Schreibstile im Wechsel des Zeitgeschmacks

  • Ich hatte neulich eine interessante Diskussion mit einem 42er-Kollegen. Ich darf Dich outen, Jürgen? Schon geschehen! :evil Ich vertrat die These, dass es, wenn es nun schon all diese Jahrhunderte und Literaturepochen mit ihren unterschiedlichen Erzählschulen gegeben hat, wünschenswert wäre, man könnte sich dieser Schulen frei bedienen, statt auf eine moderne Erzählweise festgelegt zu sein. Ich habe zum Beispiel nie begriffen, was diese Panik vor einem allwissenden Erzähler soll. Der einzige Grund, mich danach zu richten - und das ist natürlich leider ein gewichtiger - wäre, dass ein Verlag darüber die Nase rümpft und ich schon sehr genial sein müsste, um meine Veröffentlichungschancen nicht zu schmälern. Ansonsten dachte ich immer, dass historische Erzählvielfalt doch auch für mehr Auswahl und damit Freiheit im Erzählen sorgen könnte. Und sollte.


    Jürgens Argument war hingegen (und bitte, Jürgen, berichtige mich, wenn ich Dich falsch wiedergebe), dass die Erzählweisen der jeweiligen Zeit ihre Berechtigung und sogar Notwendigkeit haben, weil nur sie, und jetzt wird es für mich schwierig auszudrücken, die Ereignisse der Zeit, in der wir jetzt leben, angemessen ausdrücken können.


    Wie seht Ihr das? "Darf" man beim Schreiben im Pool der Jahrhunderte fischen? Auktorialer Erzähler sein, Thomas Mannsche Bandwurmsätze drehen oder den Minnesänger mit der hochheiligen Minne geben? Oder wäre das nur ein Wiederkäuen von überkommenen Moden? Freue mich über Diskussion!

  • Liebe Kristin,


    was Perspektiven angeht, glaube ich auch, dass z.B. der Allwissende Erzähler nach wie vor ein gutes Leseerlebnis bewirken kann. Mir fällt nur leider gerade kein Autor ein ...


    Was aber Stil angeht, macht für mich die Dosis das Gift. Da darf es nicht übertrieben werden, denn die Figuren aus der Historie empfinden sich selbst ja als modern. Daniel Kehlmann in "Die Vermessung der Welt" dosiert z.B. wunderbar eine ganz leichte Altertümlichkeit hinein, gerade so, dass wir den zeitlichen Abstand spüren.


    Bandwurmsätze lese ich auch heute noch oft (z.B. bei Zsuzsa Bánk, "Die hellen Tage"), nur klingt es trotzdem atemloser als bei Thomas Mann.


    Minnesang hingegen - das wäre für mich eine Parodie.



    Mit deiner Frage hängt auch das Thema "Schreiben wie XY" zusammen. Ich erlebe immer wieder, dass mich meine Lektüren im Stil beeinflussen (seufz, habe meinen wohl immer noch nicht gefunden, bzw. ist auch das wahrscheinlich ein unendlicher Prozess).


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  • Jede Erzählsituation hat ihre Vor- und Nachteile, jede Erzählperson, jede stilistische Entscheidung. Ich sehe das auch so, dass der Fundus gewachsen ist, dass unser Arsenal größer geworden ist, und damit die Chancen, erstens für uns selbst als Autoren individuell den richtigen Weg zu finden - und zweitens dann für jede Geschichte, die es zu erzählen gilt, wobei das ja erfahrungsgemäß in eine bleibende Struktur mündet, sich also Autoren in großer Konsequenz über das spätere Werk hinweg immer der gleichen Erzählsituation und -weise bedienen.
    Aber es gibt immer etwas, das mehr oder weniger modern ist. Das geht aber zugleich in der ungeheuren Vielfalt unter, die sich uns anbietet, wenn wir als Leser unterwegs sind. Ich habe noch nicht davon gehört, dass Verlage hier Vorgaben machen, dass es No-Gos oder Bestsellerchecklisten gäbe, aber mein Lektor bei Aufbau hat mich vor Jahren mal gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könne, einen der nächsten Romane personal und im Präsens zu erzählen. Konnte ich, habe ich aber trotzdem nicht gemacht, und das war okay so. Ich werde demnächst einen Langtext auf diese Weise fertigstellen, aber ich bin froh, im Ich-Erzähler meine passende Erzählsituation gefunden zu haben, allerdings jetzt im Präsens und nicht mehr überwiegend im Präteritum. Im Übrigen meine ich, dass "form follows function" durchaus auch hier gilt, aber möglicherweise etwas subtiler als beispielsweise beim Produktdesign.


  • Jürgens Argument war hingegen (und bitte, Jürgen, berichtige mich, wenn ich Dich falsch wiedergebe), dass die Erzählweisen der jeweiligen Zeit ihre Berechtigung und sogar Notwendigkeit haben, weil nur sie, und jetzt wird es für mich schwierig auszudrücken, die Ereignisse der Zeit, in der wir jetzt leben, angemessen ausdrücken können.



    Dem kann ich folgen, allerdings nicht mit dieser unbedingten Konsequenz. Statt "nur sie" würde ich sagen "sie am besten".


    Das heißt aber nicht, dass andere Erzählweise nicht mehr zugelassen sind. Im Gegenteil: In Einzelfällen dürfen wir auf alle bisher bekannten Erzählweisen zurückgreifen, wenn wir es für angemessen halten und glauben, die Ereignisse der Zeit so vielleicht noch besser darstellen zu können. Letztendlich ist es auch die Fähigkeit der Autorinnen und Autoren, die die Rechtfertigung bringt, ob in "alter oder neuer Manier" von heutigen Ereignissen erzählt wird.


    Die Frage ist auch, wass denn die Erzählweise der heutigen Zeit ist. Und wer bestimmt das?


    Mir kommen solche Einschränkungen und Begrenzungen immer vor wie der Versuch einer Normung und Fixierung. Das ist aber, in aller Konsequenz betrieben, eher der Tod der Literatur, als dass es hilft, sie angemessen zeitaktuell am Leben zu halten.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • Ganz unabhängig von der Frage der Vermarktung, aber eines wollen alle, die veröffentlichen oder vorhaben zu veröffentlichen: Sie wollen, dass ihre Texte gelesen werden. Und für mich bedeutet dies, dass ich als Autorin auch nach den aktuellen Lesegewohnheiten frage. Fest steht, dass nicht nur jede Epoche in ihrem eigenen Stil die Worte zu Papier bringt, sondern auch, dass wir heute anders lesen als wir es noch vor 40 oder 50 Jahren getan haben. Deshalb empfinden viele Leser und Leserinnen bestimmte Stilrichtungen als nicht mehr zeitgemäß, als "unmodern".


    Und dieser vielzitierte allwissende Erzähler: Auch sein Stil hat sich geändert. Auch der Auktoriale erzählt heute anders als noch vor einem halben Jahrhundert.

  • Ich glaube, es ist eher so - wie wir als Leser oder Autoren die Welt sehen, was uns wichtig ist, was wir für erzählenswert halten, diese Dinge sind alle ideengeschichtlichen Trends unterworfen. Aktuell ist das sicher eine Tendenz zur Individualisierung, ein alles durchdringender Relativismus, ein Verlust des Glaubens an objektive Wahrheiten und ein allgemeines Leiden an der Überkomplexität, die dieses ständige Leben in Quadrillionen Perspektiven mit sich bringt.
    Und natürlich hat das Folgen für die Art wie wir schreiben oder lesen wollen. Die Tatsache, dass es kaum noch auktoriale Erzähler gibt, lässt sich daraus ziemlich folgerichtig erklären, finde ich.

  • "Darf" man beim Schreiben im Pool der Jahrhunderte fischen?


    Vor etlichen Jahren las ich in einem Jazz-Magazin einmal ein Interview mit dem Trompeter Wynton Marsalis. Er vertrat die Ansicht, dass gute Musik archetypisch sei. Wenn jemand heute Beethovens Neunte komponierte, dann wäre das groß. Unabhängig vom Zeitgeist.


    Als ich meinem besten Freund von diesem Zitat erzählte, sagte er: "Ja. Aber das tut keiner."


    Von Beethoven zur Literatur. Wir sind doch alle gefangen von Gewohnheiten, beim Lesen, Hören, Wahrnehmen. Die bestimmen sich nicht nur temporal, sondern auch geographisch. Habermas würde vielleicht sagen: Hier geht es um Faktizität und Geltung. Um Sein und Sollen.


    Damit meine ich, dass es für mich keine inhaltliche Notwendigkeit dafür gibt, wenn der auktoriale Erzähler nicht en vogue ist. Meines Erachtens geht es nur um Mode und Strömung. Die sich auch immer wieder ändert.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Ausgangspunkt der Preetzer Diskussion war ja, ob ein metapherngesättigter Stil ("Metapher" mal als Allgemeinbegriff für alle sprachlichen Bilder genommen) heutzutage noch gerechtfertigt sei. Meine These dazu: Mit einem solchen Stil wird der Ich-Erzähler als jemand charakterisiert, der in der Belletristik vor allem des 19. Jahrhunderts zu Hause und bewandert ist. Ein solcher Stil eröffnet eine eigene Bedeutungsebene; in diesem konkreten Fall impliziert der Metahphern-Stil, dass zwischenmenschliche Vorgänge mit Analogien aus der Natur ausgedrückt werden können. Meines Erachtens kann natürlich so erzählt werden, aber dann sollte herauskommen, dass die Analogien nicht klappen - weil zwischenmenschliche Vorgänge eben komplexer und abgründiger als Naturbilder sind und nicht eins zu eins in sie aufgehen. Mit anderen Worten: Wenn der Erzähler einen abgründigen Vorgang erzählen soll, der ihn überfordert und sprachlos zurücklässt, dann sollte er auch den abgründigen und sprachlosen Stil der literarischen Moderne haben (Stottern, Hauptsätze, Geschwätz etc.)

    ASIN/ISBN: 395494104X


    "... wat mi wedder insetten kunn in de Welt, dat was de Leiw'..."
    (Fritz Reuter: Ut mine Festungstid (Olle Kamellen II) (1861)


    Erzählen heißt: "auf dem hohen Meer den Versuch zu wiederholen, das Leben mit einem Fingerhut ausschöpfen zu wollen!"
    (Wilhelm Raabe: Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte. 1891)

  • Aktuell ist das sicher eine Tendenz zur Individualisierung, ein alles durchdringender Relativismus, ein Verlust des Glaubens an objektive Wahrheiten und ein allgemeines Leiden an der Überkomplexität, die dieses ständige Leben in Quadrillionen Perspektiven mit sich bringt.
    Und natürlich hat das Folgen für die Art wie wir schreiben oder lesen wollen. Die Tatsache, dass es kaum noch auktoriale Erzähler gibt, lässt sich daraus ziemlich folgerichtig erklären, finde ich.

    Stark. Habe ich so noch nicht gesehen. Also wäre weitergedacht der auktoriale Erzähler eine gottgleiche Figur, die sich deswegen überlebt hat, weil sich jeder einzelne zum (individuellen) Gott macht und weniger und weniger Leute an einen absoluten Gott glauben? Interessante Parallele, interessante Argumentation.

  • Wenn der Erzähler einen abgründigen Vorgang erzählen soll, der ihn überfordert und sprachlos zurücklässt, dann sollte er auch den abgründigen und sprachlosen Stil der literarischen Moderne haben (Stottern, Hauptsätze, Geschwätz etc.)


    Da bin ich ganz anderer Meinung. Da wäre einem ja zu Ende gedacht jede literarische Gestaltungsmöglichkeit verwehrt. Überforderung und Sprachlosigkeit kann und darf m. E. auf genau so viele Arten literarisch dargestellt werden wie im richtigen Leben die Seele sich Wege sucht, mit einer Überforderung zurechtzukommen, nämlich pi mal unendlich. Der eine spaltet Persönlichkeitsanteile ab, der zweite fängt an zu saufen, der dritte sucht Trost in der Natur (und ja: findet in ihr Metaphern und Parallelen), und der vierte stellt sich vielleicht auf einen Misthaufen, hebt ein Bein und kräht. Außerdem lässt sich Sprachlosigkeit auch überwinden (in dem von Dir angeführten Beispiel blickt die Erzählerin ja aus einer relativ sicheren und abgeklärten Distanz von vier Jahrzehnten aufs Geschehen, da kann sie eine Sprache gefunden haben).


  • Vor etlichen Jahren las ich in einem Jazz-Magazin einmal ein Interview mit dem Trompeter Wynton Marsalis. Er vertrat die Ansicht, dass gute Musik archetypisch sei. Wenn jemand heute Beethovens Neunte komponierte, dann wäre das groß. Unabhängig vom Zeitgeist.



    Schlechtes Beispiel. Marsalis ist ein guter Trompeter, aber der spielt nur alte Sachen. Neues hält der für überflüssig. Das muss man wissen, wen man dessen Aussage bewerten will.

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  • …. Mit anderen Worten: Wenn der Erzähler einen abgründigen Vorgang erzählen soll, der ihn überfordert und sprachlos zurücklässt, dann sollte er auch den abgründigen und sprachlosen Stil der literarischen Moderne haben (Stottern, Hauptsätze, Geschwätz etc.)


    Tatsächlich? Er soll das? Er darf gar nicht anders?


    Wer macht denn solche Vorgaben? Und wer setzt durch, dass sie Gültigkeit haben?

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    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • Zitat Kristin:

    Ich vertrat die These, dass es, wenn es nun schon all diese Jahrhunderte und Literaturepochen mit ihren unterschiedlichen Erzählschulen gegeben hat, wünschenswert wäre, man könnte sich dieser Schulen frei bedienen, statt auf eine moderne Erzählweise festgelegt zu sein. Ich habe zum Beispiel nie begriffen, was diese Panik vor einem allwissenden Erzähler soll. Der einzige Grund, mich danach zu richten - und das ist natürlich leider ein gewichtiger - wäre, dass ein Verlag darüber die Nase rümpft und ich schon sehr genial sein müsste, um meine Veröffentlichungschancen nicht zu schmälern. Ansonsten dachte ich immer, dass historische Erzählvielfalt doch auch für mehr Auswahl und damit Freiheit im Erzählen sorgen könnte. Und sollte.


    Mehr Auswahl und Freiheit im Erzählen wünschst Du Dir, statt festgelegt zu sein auf stilistische und perspektivische Merkmale, die wir oder potentielle Leser als "modern" empfinden? Wie wäre es denn jemals zu einer Weiterentwicklung und neuen Stilen gekommen, wenn sich beispielsweise alle Autoren im 20. Jahrhundert an die Konventionen früherer Zeiten gehalten und diese weiterhin ausschließlich benutzt hätten beim Schreiben? Oder anders herum gefragt: hängt die Wahl des Schreibstils und der Perspektive und sogar die Wortwahl nicht davon ab, was Du erzählen willst? Ich finde, bei der Frage angemessener Wortwahl wird es deutlich: eine Protagonistin aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts hat in wörtlicher Rede sicherlich eine andere Ausdrucksweise als eine andere, die ihre Tochter oder Enkelin sein könnte. Andernfalls würde es beim Lesen befremdlich wirken, wenn die Alte beispielsweise die Jugendsprache von einem Jahrhundert später verwendete. Ob nun zum Beispiel eine auktoriale Perspektive in der heutigen Zeit veraltet wirkt, hängt, meine ich, von der Textgestaltung ab. Und von sprachlichen Mitteln, die Du einsetzt. Ich glaube, wir sollten uns die Freiheit zum Experimentieren nicht ausreden lassen. Etwas wirklich Neues zu schreiben ist ohnehin schwer bis unmöglich. Warum also nicht konsequent etwas Eigenes entwickeln?

  • Also wäre weitergedacht der auktoriale Erzähler eine gottgleiche Figur, die sich deswegen überlebt hat, weil sich jeder einzelne zum (individuellen) Gott macht und weniger und weniger Leute an einen absoluten Gott glauben?


    Ich habe weder Philosophie noch Literaturwissenschaft studiert, deswegen scheue ich mich etwas vor so großen Worten. Aber ich würde schon sagen, dass wir heute die Idee, es gebe von einer Geschichte so etwas wie eine verbindliche oder objektive Version, für altbacken halten. Wir wissen alle, dass es unterschiedlich klingen wird, wenn ich die Geschichte erzähle, oder du. Oder Goethe. Oder Jürgen. Deswegen entspricht vielleicht auch ein Erzähler der einfach nur beschreibt "was ist", nicht mehr ganz der Art, wie wir die Welt sehen.
    Das wird ja auch in diesem Thread deutlich. So ziemlich alle (außer Jürgen ")" ) sind der Ansicht, dass es eine "verbindliche" oder "beste" Art zu erzählen nicht geben kann und dass auch historische Arten zu erzählen im richtigen Kontext auch heute noch ihre Berechtigung haben können. Alles geht.

  • Schlechtes Beispiel. Marsalis ist ein guter Trompeter, aber der spielt nur alte Sachen. Neues hält der für überflüssig. Das muss man wissen, wen man dessen Aussage bewerten will.


    Welch profunde Expertise zu einem der bekanntesten und einflussreichsten Jazz-Musiker der Gegenwart. Ich weiß schon, was Du meinst, HD, und Deine Zuspitzung ist ja auch nicht ganz verkehrt - sie ist nur keine inhaltliche Auseinandersetzung mit Marsalis' Aussagen. Damit hängt man sich an Mode und Strömung. Das ist so, als wenn man sagt: "Das kommt eben von der FAZ. Die ist konservativ." Oder andersrum: "So schreibt halt die taz. Brauchste nicht ernstzunehmen."



    Aber ich würde schon sagen, dass wir heute die Idee, es gebe von einer Geschichte so etwas wie eine verbindliche oder objektive Version, für altbacken halten. Wir wissen alle, dass es unterschiedlich klingen wird, wenn ich die Geschichte erzähle, oder du. Oder Goethe. Oder Jürgen. Deswegen entspricht vielleicht auch ein Erzähler der einfach nur beschreibt "was ist", nicht mehr ganz der Art, wie wir die Welt sehen.


    Nach meinem Dafürhalten ist etwas so lange alt, bis es wieder neu wird. ;) Um es krass zu überspitzen: Wenn wir objektive Erzählungen und Wahrheiten für überholt halten, landen wir bei "alternative facts". Da kann dann jeder schildern, wie viele Teilnehmer eine Versammlung hatte. ;)


    Es geht ja nicht darum, dass ein Schriftsteller einen Text anders schreibt als der andere. Sondern darum, dass eine Geschichte "heutzutage" nur noch subjektiv von den Figuren erzählt wird. Das sagt etwas über den Zeitgeist.


    Ich vermute, dass es dazu irgendwann eine Gegenbewegung geben wird. Von Autoren, die sagen: Wirklichkeit ist nicht beliebig.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Wenn wir objektive Erzählungen und Wahrheiten für überholt halten, landen wir bei "alternative facts". Da kann dann jeder schildern, wie viele Teilnehmer eine Versammlung hatte.


    So leid es mir tut das sagen zu müssen - da sind wir doch längst. Einer Diskussion über die politischen Implikationen dieser Entwicklung würde ich im öffentlichen Teil dieses Forums aber gerne aus dem Weg gehen wollen. Nur so viel - ich finde das auch nicht gut.


  • Welch profunde Expertise zu einem der bekanntesten und einflussreichsten Jazz-Musiker der Gegenwart. Ich weiß schon, was Du meinst, HD, und Deine Zuspitzung ist ja auch nicht ganz verkehrt - sie ist nur keine inhaltliche Auseinandersetzung mit Marsalis' Aussagen. Damit hängt man sich an Mode und Strömung. Das ist so, als wenn man sagt: "Das kommt eben von der FAZ. Die ist konservativ." Oder andersrum: "So schreibt halt die taz. Brauchste nicht ernstzunehmen."
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    Dieses "brauchste nicht ernst zu nehmen" stammt von Dir. Habe ich nicht geschrieben. "Muss man wissen", war meine Aussage und das halte ich nach wie vor für wichtig. Marsallis spielt nur "alten Jazz" und "nichts nach Haydn". Er hält alles spätere schlicht für überflüssig. Aus solch einer Haltung heraus geprägten Aussagen sind sicher noch der Überlegung werd, taugen aber nicht für generelle Aussagen und Vergleiche.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • Hallo Kristin,


    ich frage mich gerade, ob Du vielleicht bei Deiner Ausgangsfrage nur eine bestimmte Art (Unterhaltungs)Literatur im Blick hattest.
    Ich glaube nämlich, wenn man sich in der sogenannten "Gegenwartsliteratur", also den Texten, die später mal zu Klassikern werden :), umsieht, dann kann man da eine ganz andere Vielfalt entdecken. Oder etwa in anderen Ländern? Ich finde zum Beispiel, die Isländer greifen zum Teil auf ältere Erzähltechniken zurück, sind langsamer, betrachtender. Nicht alle natürlich, die modernen Krimiautoren, die wohl (vermute ich) primär fürs Ausland schreiben, bedienen sich der gängigen Erzählweise für Unterhaltungsliteratur. Aber daneben gibt es ganz andere.


    Ich glaube, wie weit man auf "ältere" Erzählmuster zurückgreift, hängt stark vom Publikum ab, das man dabei im Blick hat.

  • Wie wäre es denn jemals zu einer Weiterentwicklung und neuen Stilen gekommen, wenn sich beispielsweise alle Autoren im 20. Jahrhundert an die Konventionen früherer Zeiten gehalten und diese weiterhin ausschließlich benutzt hätten beim Schreiben?

    Oh nein, das wäre ja furchtbar, so war es nicht gemeint. Für mich liegt die Antwort in diesem Satz:

    Ich glaube, wir sollten uns die Freiheit zum Experimentieren nicht ausreden lassen.


    Und das, meine ich, darf doch auch das Experimentieren mit "alten Mustern" einschließen. Und mit neuen! Aber es ist wohl schon so, dass es viel mit Gestaltungsgeschick zu tun hat, wieviel ein Autor sich da erlauben darf. In der "Bücherdiebin" zum Beispiel gibt es ja einen ganz wunderbaren auktorialen Erzähler, den Tod. Und niemanden hat's gestört.


    Zum Thema zeitgemäße Sprache fällt mir noch ein, wie ich vor einiger Zeit mal befremdet war von etwas, was ein Kritiker Benedikt Wells und seinem Roman "Spinner" vorwarf. Wells habe keine oder nicht genügend adäquate Jugendsprache benützt. Ich fand das nervig. Muss der Protagonist chillen, bloß weil er zwanzig ist? darf er nicht ausruhen?

  • Hallo Kristin,


    ich muss zugeben, ich kenne Herrn Wells und seine Romane nicht. Aber ich finde eigentlich nichts schrecklicher als ein Andienen an sogenannte Jugendsprache. Sie passt dort, wo es zu den Figuren passt. Manche "chillen", manche ruhen sich einfach nur aus. Angebracht wäre so eine Kritik ja nur, wenn der Autor eine ganz bestimmte Szene schildert und dazu Wörter verwendet, die nicht zu dieser Szene passen.


    Insofern: Sprache ist vielseitig und sollte deshalb auch in ihrer ganzen Bandbreite eingesetzt werden :).


    Und je nach Sujet sollte man auch andere Erzähltechniken wählen (dürfen).


    Liebe Grüße
    Anja