Daniel Kehlmann: Tyll

  • Die weiße Leinwand



    Die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs, das Gebiet des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation: Das durch Martin Luther ein knappes Jahrhundert zuvor geadelte Hochdeutsch etabliert sich allmählich als literarische Sprache, während die Eiferer im Auftrag ihrer Religion(en) durch die Lande reisen und Hexer auszumachen versuchen, die sie ganz selbstverständlich mit brutaler Folter zum Geständnis zwingen, denn nur unter Schmerzen sagt der Mensch schließlich die Wahrheit. So ereilt es den Müller, der in seiner wenigen freien Zeit zu viel über die Sterne oder die Größe von Haufen nachgedacht hat, oder die Frage, ab wann ein Haufen eben einer ist oder keiner mehr, und deshalb steht Tyll plötzlich ohne Vater da, denn der etwas wirrköpfige, aber freundliche und heilbegabte Müller wird gehenkt.


    Der junge, schlaksige Tyll flieht und schließt sich einem dubiosen Gaukler an. Er lernt das Jonglieren und das Balancieren, außerdem das Leben als Freier ohne Respekt und Schutz. Und er wird zur Legende. Tyll Ulenspiegel, der allerdings keine verbürgte Gestalt der Geschichte war, und von dem erstmals im fünfzehnten Jahrhundert Berichte und Erzählungen auftauchten. Daniel Kehlmann verpflanzt ihn kurzerhand ins siebzehnte Jahrhundert, wo er als Katalysator dient, als Beobachter und Stichwortgeber in diesem episodenhaften Roman, der sprachlich ein absolutes Fest ist und großes Vergnügen beim Lesen bereitet. Kehlmann lässt die Zeit zwischen 1618 und 1648 in großer Anschaulichkeit aufleben, er zeichnet unglaublich starke Bilder und findet die richtigen Worte, um Gerüche und Rituale, um die Brutalität und Aussichtslosigkeit, um den Wahnsinn und das Miteinander zu vermitteln. Man hungert mit seinen Figuren und friert mit ihnen, man folgt atemlos den berauschenden Dialogen, und man ist heilfroh, im warmen Sessel zu sitzen, vierhundert Jahre später, weit entfernt von all dem Wahnsinn, dem Geschacher, dem mitleidlosen Umgang mit Menschenleben, der kurzen Lebenserwartung, dem Aberglauben, dem Söldnertum und der makaber-pragmatischen Familienplanung über die extrem hohe Kindersterblichkeit.


    Aber.


    In einer Episode wohnt Tyll bei August Friedrich V. von der Pfalz, der zu dieser Zeit als Friedrich I. glücklos König von Böhmen zu sein versucht, und Tyll schenkt dem Winterkönig - Friedrich regierte nur ein Jahr lang und wurde von allen Seiten verspottet - eine gerahmte, weiße Leinwand, auf der, wie der Schalk erklärt, nur für kluge Geister ein prächtiges Gemälde zu sehen ist, was nicht wenige Gäste in schwierige Situationen bringt, aber auch Schlossbewohner bis hoch zum König irritiert. Diese Variante des Märchens von des Kaisers neuen Kleidern ist zwar amüsant, fühlt sich aber vor allem und zugleich wie eine Metapher auf bzw. für die gesamte Erzählung an. Kehlmann ist ein prächtiges, bravourös erzähltes Sittengemälde gelungen, aber abseits davon bleibt die Geschichte gleichsam unverankert, fühlt sich wie ein Rätsel an, das eigentlich nicht zu lösen ist, aber den Eindruck erweckt, das doch zu sein. Anders und einfacher gesagt: Man kommt sich - auf äußerst hohem Niveau - insgesamt ein wenig veralbert vor. Das allerdings ist ein Gefühl, das zumindest bei mir immer leicht anklingt, wenn ich ein Kehlmann-Buch lese (genau genommen sogar schon beim Kauf). Der Mann hat ohne Frage mehr auf dem Kasten als so manch ein anderer hierzulande und andernorts (Kehlmann ist Österreicher), aber es ist auch kein Zufall, dass er jetzt über Eulenspiegel schreibt: Nach meinem Dafürhalten ist er nämlich selbst einer - ein großer, zweifelsohne, und ein guter, aber er ist einer.
    Übrigens. Hat jemand meinen zweiten Schuh gesehen?


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  • …, und man ist heilfroh, im warmen Sessel zu sitzen, vierhundert Jahre später, weit entfernt von all dem Wahnsinn, dem Geschacher, dem mitleidlosen Umgang mit Menschenleben, der kurzen Lebenserwartung, dem Aberglauben, dem Söldnertum und der makaber-pragmatischen Familienplanung über die extrem hohe Kindersterblichkeit.


    Sind wir davon so weit entfernt? Es ist doch eher so, dass sich diese Dinge ein wenig verschoben haben, regional meine ich, sie aber noch wie vor in dieser unserer Welt ungebrochen und unvermindert vorhanden sind.


    Sonst: Tolle Rezension :dhoch und eine gute Motivation, mir wiede rmal einen Kehlmann vorzunehmen.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11


  • Ich habe das Buch kürzlich mit großem Vergnügen gelesen, wobei mich zwischendurch und am Ende immer mal ein diffuses Gefühl von ... ja, zum Teufel, von irgendetwas überlief, das ich nicht recht fassen konnte. Etwas zwischen Ärger und Belustigung - bei aller Wertschätzung der wundervollen Sprache dieses hochbegabten Erzählers.


    Ich hab mir dann die Rezensionen in den einschlägigen Zeitungen angesehen und nicht gefunden, dass jemand mein diffuses Gefühl teilte. Du hast es hier jedoch aufgespürt und trefflich beschrieben, Tom.
    Die mit Abstand geistvollste und aussagestärkste Rezension zu diesem Buch, die ich bisher gelesen habe! :chapeau

  • Lieber Tom, ich habe den Tyll auch gelesen. Ich denke, es ist große Literatur (wobei ich in der Regel lieber Sachbücher lese). Manches hat mich ein wenig ratlos emacht. Dank deiner Kritik bin ich jetzt im Geiste ein bisschen weiter. Danke dafür.

  • fühlt sich wie ein Rätsel an, das eigentlich nicht zu lösen ist, aber den Eindruck erweckt, das doch zu sein.

    Na ja, schlägt man sich nicht überhaupt so durchs Leben: indem man Rätsel versucht zu lösen, die eigentlich nicht lösbar sind, aber als Arbeitshypothese muss man irgendwie von ihrer Lösbarkeit ausgehen? Ich fühle mich gerade deshalb von Kehlmann nicht verschaukelt.

  • Endlich habe ich den Roman auch gelesen. Mich schon Monate darauf gefreut. Deshalb habe ich auch jetzt erst die Rezension gelesen.

    Eine sehr schöne Rezension, das finde ich auch und schließe mich damit allen anderen vor mir an!:chapeau

    Auch ich habe den Roman sehr gern gelesen. Man taucht mit allen Sinnen ein, in diese Epoche, in die Denke, den Zeitgeist, der alten Mystik und diesem halbwissenschaftlichen Erklären-wollen von Phänomenen. Mir hat das ziemlich viel Anregung gegeben in Bezug auf die Theaterarbeit. Das Tyll mal Haupt- und mal Nebenfigur ist, passt zu der Rolle des Narren. Liebenswert wird er nie. Bewundernswert ja. Ein Antiheld-Held.


    Beim Lesen der Geschichte ging es mir so: Ich hatte mal einen alten Chemielehrer, der war äußerst wirr in seinen Erklärungen, dabei jedoch höchst kompetent, vermutlich eine Koryphäe auf seinem Gebiet, aber als Pädagoge grauenhaft und in seiner äußeren Erscheinung der absolute Tiefstatus. Typ wirrer Professor. Ich hatte ihn damals im ersten und zweiten Semester und später auch in Biochemie. Seine Erläuterungen waren meist ein, von hinten aufgezäumtes Pferd. Kryptisch aber höchst lebendig. Niemand verstand aus unserer Klasse Biochemie. Außer ich. Nicht, weil ich hochbegabt war, sondern weil mein Hirn ähnlich sprunghaft funktionierte. Aus irgend einem Grund konnte ich ihm gut folgen. Warum, weiß ich bis heute nicht. So ähnlich ging es mir mit dem Roman. Vermutlich habe ich noch nicht einmal die Hälfte verstanden aber irgendwie blieb es immer fesselnd. Der ungeheure Über- Hinter- oder Unterbau der Geschichte war ständig zu spüren.

    Ich hatte das Gefühl, immer nur die Spitze eines Eisbergs zu lesen, ohne den Unterbau zu sehen. Deshalb fehlten mir oft die Bezüge zu den Spitzen. Ich wusste: die Gesamtheit des Wissens lauert irgendwo unter Wasser. Und obwohl ich vor einigen Monaten viele, viele Stunden In der Geschichte Deutschlands (Hörbuch) unterwegs war, reichte es nicht aus. Und so erging es mir, wie mit einer Fremdsprache, die ich zu lange nicht benutzte. Ich erkannte das Vokabular, aber ich wusste die genaue Bedeutung nicht mehr. (Ein Handbuch auf dem Nachttisch wäre gut gewesen: Der 30-jährige Krieg für Dummis.;))

    Vermutlich hätte ich das Buch an diesen Stellen, besonders, wenn es um die höfischen Bezüge ging, weggelegt. Hätte aufgegeben, die Segel gestrichen und: "Blöder, intellektueller Doofpups!" gesagt, wenn es eben nicht diese anderen Ebenen auch gegeben hätte. Zum Beispiel das Manövrieren durch die Benimmklauseln dieser Zeit, des: Was-Wann-wo-und wer zuerst-Getue. :rofl (Herrlich!) Das Spiel der Hierarchien, all die (Schachbrett)Züge, die die Winterkönigin im vorletzten oder letzten Kapitel(?) mit einer Pattsituation beendet... u.v.a.m. Die Geschichte lohnt sich auf jeden Fall - auch, sie mehrfach zu lesen.