wenn du in den Spiegel

  • … Ich war den Gestrengen der Familie nicht schön genug.


    Schönheit wird überbewertet!


    Außerdem ist Schönheit relativ. Wie die Zeit. Das eigene Erleben wandelt sich auch. Einen Menschen, den man auf den ersten Blick als schön oder hässlich eingeschätzt hat (um das mal auf diese beiden Extreme zu beschränken), betrachtet man, hat man ihn erst einmal kennen gelernt, ganz anders. Dann ist der vermeintlich Schöne plötzlich nicht mehr so schön und der vermeintlich Hässliche gar nicht so hässlich. Das ist kein "Gewöhnungseffekt", sondern die Vervollständigung des Bildes, das man von den Menschen hat, wenn man mehr als nur das äußerliche kennen lernt.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • sicher. Schönheit hat ihre Zeiten, hier meine ich, dass sie auch Strömungen unterliegt. Und das Schönheitsempfinden sich wandelt. Beim Kennenlernen der Person sich das Bild ändert, korrigiert. Als Kind und Teenager siehst du das anders. Jungen auch anders als Mädchen. Auch schon, wenn einer mit den damals tollsten Sachen ausstaffiert wird und die andere 'Umgeändertes' kriegt. Da beginnt man, also in diesem Falle ich, die Kleidung ein bisschen zu zerschnippeln.


    bettina: ich weiß, welches Foto du meinst. Es ist auch schön. Und heute kann ich mich sonstwohin beißen, dass ich zu der Zeit so manches Mal an mir gezweifelt habe. Vertane Grübeleien.

  • Und ich musst mir mehrfach den Spruch anhören. "Du bist ja keine Frau mehr"


    Da fällt mir irgendwie spontan ein Reim von Karl Friedrich Waechter ein: "Blöde gibt es viele, am Rhein und auch am Nile." Womit ich nichts generell gegen irgendeine der Freundinnen gesagt haben will. Vielleicht hat die eine oder andere sich nach der ersten Schrecksekunde ja noch besonnen, was sie da eigentlich gesagt hat. Trotzdem, der Spruch haut rein. Und tut weh, schon hier beim Lesen.

  • Wieso sollst du keine Frau mehr sein? Mich macht so was echt erst einmal sprachlos. Oft ist es Hilflosigkeit oder auch ein Problem mit der eigenen weiblichen Identität.
    Aber das Spiegelbild verändert sich natürlich mit Krankheit, teils sehr plötzlich und gravierend, aber auch mit dem Alter, dann allmählich. Die Frage ist: Können wir uns selbst auch mit dem Makel lieben? Werden wir geliebt trotz der "unschönen" Stellen, am Körper und an der Seele?
    Mir hilft immer der gute Umgang von Frauen mit ihrem Makel, so wie dein Umgang damit, Ulli (auch wenn ich nicht so viel darüber weiß, aber ein bisschen), weil ich dann meine Makel auch besser ansehen und leiden kann.
    Dann verdient halt die Makellos-Industrie ein bisschen weniger.

  • Es ist seltsam. Ich sehe nur meinen Vater in mir, obwohl ich äußerlich durchaus Ähnlichkeit mit meiner Mutter habe. Aber ich nehme diese Ähnlichkeit nie als solche wahr.
    Und mit meinem Vater teile ich zumindest die dünnen, leicht kräuseligen Haare, die durch nichts zu bändigen sind, und die offensichtliche Neigung zum besonders schnellen Sonnenbrand.
    Auch zum Rest meiner Familie kann ich selbst keine offensichtliche Verwandtschaft feststellen, auch wenn sie nach Angaben einiger Mitglieder vorhanden ist.

  • Ich sehe wenig Familienähnlichkeit, wenn ich in den Spiegel schaue – weiß aber, dass mir der Blick dafür offenbar verstellt ist. Wie sonst sollen mich auf der Straße Leute ansprechen, die ich nicht kenne, die aber genau das ansprechen: diese Familienähnlichkeit, in manchen Aspekten auf die Mutter bezogen, in anderen auf den Vater.


    Ich weiß aber, dass Familienähnlichkeiten teils sehr stark ausgeprägt sein können. Mein Vater und ein (unbekannter, Social Media sei Dank, dem Foto nach bekannt gewordener) Cousin dritten Grades könnte man ihren Hochzeitsbildern nach für Brüder halten: Stirn, Nase, Gesichtsform, Haaransatz (die Frisur dem Zeitgeist geschuldet), Zähne – unverkennbar. Der eine in Deutschland, der andere in Polen. Dabei haben die beiden „nur“ einen gemeinsamen Urgroßvater.
    Mein Großvater mütterlicherseits hatte starke Ähnlichkeit in jungen Jahren mit seinem Sohn, meinem Onkel. Das hätte ich ohne Fotos nicht gewusst, weil sich diese Ähnlichkeit mit den Jahren verloren hat.
    Hände – ich habe nie darauf geachtet, wer welche Hände hat. Als Kind wird man gut oder schlecht gehalten von den Händen seiner nächsten Verwandten, fühlt sich aufgehoben oder nicht, aber man achtet wahrscheinlich nicht auf die Form der Finger, der Nägel, der Handflächen selbst. Auf einem Bild, in dem man meinen Großvater mit 19 in einem Fotostudio vor eine Kulisse gesetzt und ihm eine Art Buch in die Hand gegeben hat (ein Erinnerungsstück „vom Kaiser“ für die Familie, falls der Sohn im Krieg bleiben sollte), sind die Hände gut zu erkennen: groß, breit, mit langen Fingern. Ich habe die weiblichere Form davon geerbt, schmäler. Wobei die Form der Hände auch genauso gut von der Vaterseite kommen kann. So wie wir alle eine Mischung aus (vielleicht nicht nur) äußerlichen Eigenschaften von Menschen sind, die wir gut kennen oder womöglich – weil die Merkmale auch eine oder mehrere Generationen überspringen können? – nie gesehen haben.