Wie haltet ihr es mit Kritik?

  • Klasse Thema. Da ich vom Sternzeichen her eine Löwin bin, achte ich die Kritik, beiße die Zähne zusammen, nicke, sage nix. Und einen Tag später oder auch zwei - ja, richtig. Ich muss daran arbeiten. Das mache ich dann auch, und zeige es wieder. Und gerne Kritik. Aber - es gibt auch "Kritik", da weiß ich (in den Sendern, wo auch immer), was sie will, woher sie kommt, nein, erreicht mich nach dem Überlegen von zwei Tagen nicht. Und dann gibt es Menschen, die haben so eine ganz andere Art und Sprache und Benehmen drauf und da denke ich nicht einmal, du kannst mich mal, das ist einfach nix, nada und mir vollkommen seelisch zufrieden egal.
    Kritik muss einfach auf Augenhöhe sein, in der Sprache, im Wissen, im Benehmen oder sie muss einem eine neue Welt aufmachen, mit dem Fingerzeig wirklich zeigen, nicht kritteln, meckern. Ihc kann mein Handwerk, also muss es schon um den nächsten Traum gehen.

  • Jede Kritik ist eine Reaktion auf das, was ich mache - und zu können glaube. Umgekehrt schreibt man nicht für jeden. Den Zielgruppenkonflikt gibt es sozusagen in beiden Richtungen.


    Ich wage mir nicht vorzustellen, was wäre, wenn ich überwiegend sehr negative Kritiken bekäme - wahrscheinlich würde ich aufhören. Die vereinzelten negativen Kritiken, ob sie nun schlau-pointiert oder unverschämt, anmaßend oder gar "dumm" sein mögen, zeigen mir, dass es zur Perfektion noch fehlt, dass es aber auch Leute gibt, die mit meinem Zeug einfach nichts anfangen können. Natürlich wäre es schöner, nur gelobt zu werden. Möglicherweise jedenfalls. Nee, eher nicht. Wenn Kritik bleibt, streckt man sich weiter. Am Ende der Kritiklosigkeit steht die maßlose Arroganz.


    Einfacher gesagt: Man gewöhnt sich dran. Beim fünften, sechsten Roman hört es auf, wehzutun. Wenn man es dann überhaupt noch zur Kenntnis nimmt. ;)

  • Also ich hab festgestellt, dass es zwei Arten von Kritik gibt: 1) die dumme, ala - in meinem Fall- Autorin versteht nichts von den 20ern!
    Kann ich getrost vergessen, weil da meistens ein Mensch dahinter steckt, der mal eine RTL Doku zu den 20ern gesehen hat und das jetzt so wieder sehen will. Da denk ich "Schwamm drüber". Oder auch die Leute, die einfach etwas anderes erwarten - wir können es nicht jedem recht machen.
    2) Die intelligente Kritik, die sich tatsächlich mit der eigenen Arbeit auseinandersetzt und eventuelle Fehler oder Optimierungsbereiche aufzeigt. Die nehm ich mir zu Herzen und versuche, es beim nächsten Mal besser zu machen.
    Aber grundsätzlich lese ich am liebsten Lob ;)

  • Mich ärgert ebenfalls die "dumme" Kritik, wie Joan es mit den 20ern meinte. Einige werfen mir vor, dass dies oder jenes nicht sein "könne", leider treffen diese Kritiker immer genau jene Fälle, die eins zu eins aus dem realen Leben gegriffen sind. Beispiel: die Geschichte mit der Transsibirischen Eisenbahn. Sie ist so, genauso passiert. Oder Szenen aus den "Kastanienblüten", wo infrage gestellt wird, dass man in den 50er Jahren als katholisches Kind nicht mit den Evangelischen spielte. Ich weiß, da sollte man drüber stehen. Es gibt ja auch sehr konstruktive Kritik, die mir weiterhilft und die nicht aus der Luft gegriffen ist. Nur dieses besserwisserische Blabla mag ich nicht.

  • In den 50er Jahren spielte im Schwäbischen kein katholisches Kind mit den Flüchtlingskindern, die meist protestantisch, jüdisch, polnisch, baltisch oder eben sonst fremd waren. Klar, irgendwann fanden sich dann doch erste Freundschaften, erst unter den Fremden, dann auch zu den Einheimischen - Katholen. Aber es war barbarisch. In der Volksschule hatten die Lehrer einen Kreidestrich gezogen, auf der einen Seite die Katholiken, der böse Rest auf der anderen Seite^^

  • Ich durfte nicht mit evangelischen Kindern spielten, obwohl 90% der Kinder ringsum evangelisch waren. Ausnahme war meine Freundin, die mit im Haus wohnte, sonst hätte ich niemanden gehabt. Ich musste mir die Hände waschen, wnen ich mich doch zu den anderen durch die Hecken geschlichen hatte und es aufgefallen war.

  • Jay: auf dem Land, in meinem letzten Wohnort Drensteinfurt, hat sich das noch bis in die späten 60er Jahre gehalten. Sogar wesentlich jüngere Leute erzählen davon. Ich glaube, Voltaires Candide hatte Drensteinfurt im Sinn, als er ins Westfälische Tunderthentrunk kam.

  • Ob dumm oder schlau, ob unspezifisch oder präzise, ob persönlich oder sachlich: Kritik zeigt doch in allererster Linie, dass man wahrgenommen wird. Darum geht es beim Schreiben, beim Veröffentlichtwerden, beim Schriftstellersein. Was die Leute genau sagen, ist letztlich nicht so irre wichtig, denn ob der Text so geworden ist, wie Du ihn haben wolltest, kannst nur Du selbst sagen. Und es ist auch eine großartige Erfahrung, furios zu scheitern.


    Was mich wesentlich mehr stört als Verrisse: Die Kritik um ihrer selbst Willen. Etwas zu sagen, nur um etwas zu sagen. Ich habe auch eine Meinung dazu. Das ist oft überflüssig und nicht selten total nervtötend.

  • Ich halte nichts von den Begriffen "konstruktive Kritik" und "destruktive Kritik", weil diese Definitionen häufig auf Bauchentscheidungen beruhen, d.h. jeder andere Grenzen zieht. Außerdem können sie als Totschlagargument verwendet werden.
    Aber den Grundgedanken, dass auch Kritik eine Qualität haben kann, finde ich gut!


    Außerdem ist es meiner Meinung nach kontraproduktiv, wenn sich Kommunikationsprobleme unter die Diskussion um einen Text mischen, z.B. jemand beleidigt reagiert, jemand seine Kritik auf unverständliche oder selbstdarstellerische Art äußert, oder die berühmte Diskussion um "konstruktiv" oder "nicht konstruktiv" losgetreten wird. Das kann man dann ja zu einem anderen Zeitpunkt machen. Da sind beide Seiten angehalten, sich entweder zurückzuhalten oder vernünftig zuzuhören. Emotionen aus dem Spiel zu lassen, ist nicht gerade meine Stärke, aber ich halte ich an dieser Stelle wirklich für besser.


    Was meine Erfahrungen mit Kritik angeht, habe ich sehr viele Pauschalbeurteilungen erhalten. Dies geschah hauptsächlich im Internet. Seitdem weiß ich, dass es immer jemanden geben wird, der besser sei als ich (danke, gut zu wissen) oder dass ich niemals meine Nase in die Luft recken sollte (hätte ich nicht gedacht!).
    Abgesehen davon habe ich viele kurze, knappe Urteile erhalten. Ein bekannter Kabarettist (Jochen Malmsheimer) hat während eines Workshops meine Texte als "sehr kreativ" bezeichnet, wobei ich mich bis heute frage, ob das der Bewertung "XY ist teamfähig" im Arbeitszeugnis gleichkommt. Außerdem hat mich ein sehr zwielichtiger Mensch als "Genie" bezeichnet. Ich möchte nicht sagen, dass ich mit meinen 17 Jahren nicht geschmeichelt gewesen wäre, aber unter dem Strich war es mir doch sehr unheimlich, von einem äußerst gebildeten Menschen derart in den Himmel gelobt zu werden, sodass ich sogar abrupt den Kontakt abgebrochen habe. Solche Dinge tue ich sonst nicht.


    Alles in allem freue ich mich am meisten über möglichst präzise handwerkliche Kritik. Aber ich glaube, diese bekommt man erst, wenn man ein gewisses Level erreicht, vielleicht sogar ein Buch veröffentlicht hat, und selbst dann ist sie wirklich ein Geschenk.
    Leider habe ich nie auf handwerkliche Perfektion hingearbeitet. Während des Schreibprozesses treten diese Dinge bei mir in den Hintergrund, d.h. ich denke nicht darüber nach, wie man einen Plot erstellt, was dramaturgisch das Beste wäre und warum Figur XY sich besser mit Charakter ABC vertragen sollte. Nicht, weil ich es nicht wüsste, sondern weil ich es so möchte. Ich glaube, mir ging es bloß darum, mein Innenleben, von dem sonst nie jemand etwas mitbekommt, nach außen zu tragen. Ausdruck war mir also das Wichtigste. Selbsttherapie? Nein, ich denke, dass das ein künstlerisches Ziel sein kann. Das Problem dabei ist nur, dass häufig Kritiker nichts mit meinen Texten anfangen können, oder ich sie schlecht in meine Arbeit integrieren kann, weil ich anders funktioniere. Es kann auch sein, dass meine Texte dazu verführen, die handwerkliche Schwächen zu übersehen, weil sie sich anders lesen, und ich deswegen wenig präzise Kritik bekommen habe.


    Wissenschaftler vertreten ja heute die Theorie, dass es männliche und weibliche Hirntypen gibt. Die männlichen sind die Analytiker, denen es darum geht, so schnell wie möglich von A nach B zu kommen. Die weiblichen sehen ungern ein, warum es stimmen sollte, was jemand anderes sagt, wenn sie nach B kommen möchten. Sie denken sich: "Aber es könnte doch sein, dass alle Unrecht haben, und es noch eine andere Lösung gibt ...", und kurven auf eigene Faust durch die Landschaft. Daraufhin vergessen gern mal, wohin sie eigentlich wollten. Stattdessen sammelt das Gehirn mehr Eindrücke dieser Entdeckungsreisen, erstellt daraus eine detaillierte Karte und speichert diese ab. Ich bin definitiv der zweite Typ ...
    Wenn es beim literarischen Prozess so etwas wie ein Ziel gibt, dann habe ich es vergessen.

  • Einer meiner Ratgeber bzw. ein Büchlein mit Besinnungstexten ist mal in einer überregionalen Zeitung total verrissen worden. Da war deutlich zu merken, dass der Autor es verreißen wollte. Er hat genau die Passagen zitiert, die, aus dem Zusammenhang gerissen, dünn klangen. Nach dem Motto: Nichts dahinter. Witzigerweise hatte der Lektor mir (auch) bei dem Buch viel Substanz bescheinigt.


    Der Journalist war natürlich nicht die Zielgruppe, aber davon konnte er eben auch nicht abstrahieren. Na ja - was soll ich sagen. Ein Jahr später war er tot.

  • ...und HD hat einen Packen Voodoopüppchen. Will ich nur mal petzen.


    Dasistüberhauptnichtwahr!


    <schwör-modus an>
    <linke-hand-wieder-vorholen-modus an>


    Monika ist die mit den Nadeln.


    Allerdings habe ich ein Buch mit Flüchen.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11