Verpisst Euch von meiner Seite, empathieloses Pack!

  • Vergangene Nacht im "Nachtmagazin " hat Schweiger sich erneut geäußert: Es gebe wohl mehr Menschen mit rechtem Gedankengut, als uns lieb sei. Und: "Wir haben eine Menge Leute, die nicht nachdenken, weil sie keine Fantasie haben, weil sie den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen und in irgendwelchen Reality Shows sehen, wie sich stumpfe Leute gegenseitig beleidigen, heruntermachen und dissen." ("Die Welt" hat die Diskussion zu dieser Meldung übrigens nach 13 Kommentaren geschlossen.)

    Spiegel-Online hat am 12. d. M. geschaut, wie der Hass auf Flüchtlinge das Netz infiziert. Und ein Sprecher des sächsischen Innenministeriums äußert sich heute mehrfach besorgt auf die Fragen des MDR: Recherchiert die Polizei ohne konkreten Verdacht in einschlägigen Internet-Foren? Pöbeln dort Nutzer gegen Asylbewerber? Feiern Rassisten Brandanschläge auf Flüchtlingsheime? Rufen Hetzer zu Gewalttaten gegen Minderheiten und Andersdenkende auf?

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Was sind das für Menschen? Soll man sich freuen, dass dieses Pack nicht gleichzeitig Asylantenheime anzündet, solange es shitstormt? Was folgt daraus?

    "Dem Mob recht geben!" hat das Constantin Wecker damals auf dem Konzert genannt. Ich glaube leider, dass bald wieder Menschen sterben werden und dass die Reaktion der Politik die gleiche sein wird.


    Ich bin immer wieder beeindruckt von Sascha Lobos Kolumnen. Die heutige heißt "Flüchtlingsdebatte im Netz: Mehr Schweiger, weniger Seehofer ". Zitate daraus, die sich auf mein Zitat aus dem Eingangsbeitrag und Heikes Verweis auf Konstantin Wecker beziehen:


    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Alexander, danke, aber das ist gruselig. Ich hoffe sehr, dass ich falsch liege. Aber ich habe genau dieses Gefühl.
    Meint ihr denn, es ist sinnvoll, sich im Internet umzutun und gegezuliken, Missbrauch zu melden und sich zu äußern? Das fordert Sascha Lobo. Also eine Gegenaktivität anzuzetteln, einfach um die Fahne der Vernunft ins Spiel zu bringen und dem Eindruck entgegenzuwirken: das erschreckt niemanden mehr, das entsetzt niemanden mehr?

  • Alexander, danke, aber das ist gruselig. Ich hoffe sehr, dass ich falsch liege. Aber ich habe genau dieses Gefühl.
    Meint ihr denn, es ist sinnvoll, sich im Internet umzutun und gegezuliken, Missbrauch zu melden und sich zu äußern? Das fordert Sascha Lobo. Also eine Gegenaktivität anzuzetteln, einfach um die Fahne der Vernunft ins Spiel zu bringen und dem Eindruck entgegenzuwirken: das erschreckt niemanden mehr, das entsetzt niemanden mehr?


    Ich meine das nicht. Das bringt wenig. Viel effektiver ist es, sich dort einzusetzen, wo Hilfe gefragt ist. So wie Anja und Alexander das machen, die regelmäßig "vor Ort" helfen. Das wirkt tiefer und langanhaltender als jedes Gegenposting.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11


  • Und vor allem sollte viel mehr darüber berichtet werden, was alles gut oder wenigstens annähernd gut läuft und die Meldungen müssen weg von undifferenzierter Angstmache und Problemherbeischreiberei.

    [buch]3866855109[/buch]


    "Sinn mag die äußerste menschliche Verführung sein." - Siri Hustvedt


  • Ich meine das nicht. Das bringt wenig. Viel effektiver ist es, sich dort einzusetzen, wo Hilfe gefragt ist. So wie Anja und Alexander das machen, die regelmäßig "vor Ort" helfen. Das wirkt tiefer und langanhaltender als jedes Gegenposting.


    Danke für die Blumen, HD, aber ich meine nicht, dass sich Heikes Frage und Dein Standpunkt ausschließen. Auf der einen Seite ist es immer gut, sich helfend einzusetzen. In mehreren Bundesländern Österreichs etwa sind neue Asylanten in Zelten (!) untergebracht, auch bei uns um die Ecke an der Polizeidirektion Salzburg. Die Caritas versucht, mit Freiwilligen zu helfen, die zum Beispiel Deutsch als Fremdsprache unterrichten.


    Auf der anderen Seite bleibt aber der pöbelnde Mob. Und dessen Äußerungen etwa in Internet-Foren braucht man nicht widerspruchslos hinzunehmen. In einem Artikel, den ich oben verlinkt habe, finden sich die Passagen: "Für die rechte Szene im Netz ist zunächst einmal vor allem der Verfassungsschutz zuständig, größeren Fällen von Cyberkriminalität wiederum gehen speziell ausgebildete IT-Cops der Landeskriminalämter nach. Die Landespolizeibehörden hingegen recherchieren eigentlich nicht ohne konkreten Anfangsverdacht in Foren und sozialen Netzwerken. (...) Tatsächlich ist die Polizei bei der Verfolgung von Hetzern im Netz auf Hinweise von Bürgern angewiesen, denn daraus entsteht eine eindeutige Zuständigkeit: Wenn ein Dresdner in Dresden eine Straftat bei Facebook meldet, ist erst einmal die Dresdner Polizei für die Ermittlungen verantwortlich."


    Heikes Zitat: "dem Mob recht geben" stammt ja aus Konstantins Weckers "Die Ballade von Antonio Amadeu Kiowa". In seinem Lied "Sage nein" fordert Wecker dazu auf, sich dem Mob entgegenzustellen. Er hat begründet, warum er sich nach langen Jahren des Verzichts auf politische Agitation auf einmal in einem Lied so kämpferisch äußere: Damals war es die Verschärfung des Asylrechts als Reaktion auf brennende Asylantenheime, das Nicht-Erscheinen Helmut Kohls bei der Trauerfeier in Solingen usw. Ich vermute, es ist Herrn Wecker recht, wenn ich den Refrain seines Liedes auf mit Blick auf die heutige Situation einfüge:


    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Ich werde von vielen meiner bürgerlichen Bekannten beschimpft, weil ich Kleidung, Wäsche. Spielzeug ins Flüchtlingslager bringe. "Die können doch zurückgehen!" - als ich einem afghanischen Pärchen den Kinderwagen schenkte.


    Wir waren selbst politische Flüchtlinge und ich weiß noch gut, wie ich mich über ein kleines Care-Paket im Flüchtlingslager Uelzen freute (nachdem wir mit großen Spritzen entlaust worden waren): ein karierter grünweißer Wollrock und ein blauweißes Jungenhemd, das über der Brust spannte.


    OT: hier werden offensichtlich Threadtitel mit Doppelkonsonanz immer beliebter. pissen, ficken, scheisse...


  • Auf der anderen Seite bleibt aber der pöbelnde Mob. Und dessen Äußerungen etwa in Internet-Foren braucht man nicht widerspruchslos hinzunehmen.


    Man muss nicht alles widerspruchslos hinnehmen - allein das Reagieren auf jede pöbelnde Äußerung bringt nicht mehr, als dass sich die pöbelnde »Meinung« noch mehr hochschaukelt.



    Zitat


    Heikes Zitat: "dem Mob recht geben" stammt ja aus Konstantins Weckers "Die Ballade von Antonio Amadeu Kiowa". In seinem Lied "Sage nein" fordert Wecker dazu auf, sich dem Mob entgegenzustellen.



    Wie wenig es bringt, sich mit dem Pöbel auf seiner Ebene einzulassen, zeigt auch die Situation gegen Ende der 1920er Jahre, als sich Linke und Rechte laufend Argumentations- und Prügeldebatten geliefert haben. Es werden Fronten zementiert, die immer undurchlässiger werden. Wenn irgend so ein Arschloch seine Pöbelmeinung im Internet verbreitet, dann helfen Kommentare oder Gegenpostings überhaupt nichts. Und vor allem: Man gibt dem Mob nicht Recht, wenn man nicht auf solche Pöbeleien in gleicher Weise reagiert. Besser ist es, zu agieren, entweder durch direktes Helfen oder durch Aufzeigen einer anderen Haltung. Ist zumindest mein unmaßgeblicher Eindruck.

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    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

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    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11


  • Das sehe ich ähnlich.


    Was mir viel besser gefällt als dieses ewige Dagegenanreden sind etwa Zeitungsberichte über Initiativen, bei denen Menschen ganz einfach etwas tun. Statt Negativberichterstattung vielleicht mal von etwas Besserem berichten, das es ja auch gibt. Damit kann man die Stimmung ganz vorsichtig wahrscheinlich sogar mehr verändern als durch die Konfrontation. Ich glaube nämlich, auf einer "persönlichen" Ebene ist zumindest hier in Österreich die Bereitschaft zum Helfen durchaus da.


    Das heißt, den einzelnen Asylbewerbern will man sogar helfen, nur die "große Masse" macht vielen Menschen wahrscheinlich Angst. Ich denke, es geht da auch weniger um Fremdenfeindlichkeit als eher um die Sorge um die eigene materielle Sicherheit, die man durch die Asylbewerber "irgendwie" gefährdet sieht.

  • Anja: Als ich damals noch im öffentlichen Dienst arbeitete und meine Dienststelle (Stadt) einer anderen Dienststelle (Land) angegliedert werden sollte, ging es in den Vertragsverhandlungen hauptsächlich um dieses:


    Besitzstandswahrung


    (Gibt es das Wort in anderen Sprachen auch??)


    Ich sehe den Grund für die Angst dieser vielen Menschen und ihr Umsichschlagen (ob verbal oder mit Molotowcocktails) genau darin. Wenn's ans Portemonnaie geht (oder auch nur die Drohung im Raum steht), werden viele aggressiv. Bei der Situation, die wir im Moment haben, muss ich dauernd an die Völkerwanderung denken - und kann beruhigt sein: Es geht vorbei. In dreihundert Jahren spricht niemand mehr davon. <scherzmodusaus>

  • Ich denke, es geht da auch weniger um Fremdenfeindlichkeit als eher um die Sorge um die eigene materielle Sicherheit, die man durch die Asylbewerber "irgendwie" gefährdet sieht.


    Anja, ich glaube, da hast du sehr unrecht. Für einen Teil der Mittelstand-Pegidas mag das zutreffen, dass es um Angst geht. Aber den Hass, der zum Beispiel auf Til Schweigers Seite getobt hat, erklärt das überhaupt nicht. Psychologisch gesehen geht es darum, eigene böse, beschämende, verachtenswerte Anteile (Gier, Faulheit, den eigenen Vorteil suchen, anderen etwas neiden und wegnehmen wollen usw.) abzuspalten (damit man sie nicht mehr bei sich wahrnehmen und sich nicht damit auseinandersetzen muss) und dann auf das Fremde zu projezieren. Die sind faul, die sind Schmarotzer, die nehmen uns was weg und wollen uns dominieren und ausnutzen! Und erst dann kommt die Angst vor "denen", wenn man alles Schlimme "denen" zugeschrieben hat, dann kommt die Paranoia. Und selbst ist man wunderbar rein und unschuldig. Das Deutsche wird auf einmal idealisiert und soll rein und schön sauber bleiben. So kann man keine realen Probleme lösen, weil es um die eigene Psychohygiene und Homöostase geht und nicht um gesellschaftliche Herausforderungen.
    Das funktioniert immer wieder überall auf der Welt hervorragend und führt dazu, dass andere Menschen entmenschlicht und ohne Schuldgefühle beseitigt werden können. Deshalb macht mir dieser Hass wirklich ANGST. Ich habe ja selber auch Ressentiments, aber ich bemühe mich, das zu reflektieren, mich immer wieder zu korrigieren und vernünftig damit umzugehen. Und nur deshalb sage ich nicht einfach: die brauchen mal ein paar in die Fresse, diese Nazis, am besten von ein paar albanischen Flüchtlingen, die mit ganz anderen Wassern gewaschen sind (schon wieder ein Vorurteil :auslach ).

  • Man muss nicht alles widerspruchslos hinnehmen - allein das Reagieren auf jede pöbelnde Äußerung bringt nicht mehr, als dass sich die pöbelnde »Meinung« noch mehr hochschaukelt.

    Was mir viel besser gefällt als dieses ewige Dagegenanreden sind etwa Zeitungsberichte über Initiativen, bei denen Menschen ganz einfach etwas tun. Statt Negativberichterstattung vielleicht mal von etwas Besserem berichten, das es ja auch gibt. Damit kann man die Stimmung ganz vorsichtig wahrscheinlich sogar mehr verändern als durch die Konfrontation.


    Erneut: Es geht nicht um ein Entweder-Oder. Es geht auch nicht darum, unflätig zu werden (obwohl das manchmal völlig in Ordnung ist - Til Schweiger hat sich ja mit seinem "Verpisst euch von meiner Seite ..." ja gerade nicht als armes Opfer eines Shitstorms gezeigt) oder darum, dass man Rassisten bekehrt.


    Es geht um die Atmosphäre. Darum, etwas entgegenzusetzen. Zu zeigen: Dieses Land gehört nicht Euch!


    Noch einmal eins der Zitate Lobos von oben: "Die beiden meistgeliketen Parteien auf Facebook überhaupt sind, haha, "flüchtlingskritisch": AfD und NPD. Pegida hat noch mal 30.000 Fans mehr. Auf Antiflüchtlingsseiten finden sich unverhohlene Gewaltaufrufe in unfassbarer Zahl, übrigens meist unter Klarnamen. Leicht denkbar, dass genau dadurch in diesen grausamen Köpfen der Eindruck entsteht: "Jetzt geht's los", gefolgt von entsprechenden Handlungen."


    Diese Szene muss wissen, dass sie nicht die Mehrheit ist! Und "normale" Menschen müssen wissen, dass sie die Mehrheit sind. Wecker singt in seiner "Balllade von Antonio Amadeu Kiowa": "Und die drehen alle durch, Willy!" Exakt dieses Gefühl hatte ich 1992 auch. Und es hat mich sehr beruhigt, dass es auch Lichterketten gab damals und Konzerte wie "Arsch huh, Zäng ussenander".

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)


  • Es geht um die Atmosphäre. Darum, etwas entgegenzusetzen. Zu zeigen: Dieses Land gehört nicht Euch!



    Ebend!


    :D


    Das Eingehen auf unflätige Postings ist aber ein sehr uneffektives dagegen setzen. Nichts anderes meine ich. Außerdem ist ein Nichtreagieren auf solche Postings keine Zustimmung. Zumindest dann nicht, wenn man an anderer Stelle deutlich macht, dass man sich mit solchem Pöbel und seinen Meinungen nicht gemein macht, sogar das Gegenteilige vertritt.

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    ASIN/ISBN: 3955403823


    Im Inneren eines Menschen existiert ein Kern, der von Fragen wie Staatsbürgerschaft oder sozialer Herkunft völlig unberührt ist. Dafür sollte sich die Kunst interessieren.
    Marina Davydova

    SZ Nr. 289, 15.12.2022, S. 11