Udo Jürgens ist tot

  • Ist doch eine Gnade, so abzutreten. Nach einem achtzigjährigen höchst erfolgreichen Leben, bei bester Gesundheit, mitten im Schaffen und noch vielen weiteren Vorhaben, einfach beim Spazierengehen umzukippen, fertig, aus. Udo Jürgens war ein Günstling des Schicksals. Im Leben wie im Sterben!

  • Ich kann gar nicht zählen, wie oft meine Eltern zu seinen Liedern gefeiert und getanzt haben, schon deshalb bin ich traurig...es geht mit so jemandem immer auch ein wenig eigene Zeitgeschichte...auch wenn die Lieder überdauern.

    [buch]3866855109[/buch]


    "Sinn mag die äußerste menschliche Verführung sein." - Siri Hustvedt

  • Pearl, "ein paar Texte" trifft es wohl nicht so ganz, oder? Ob man seine Songs mag oder nicht, ist Geschmackssache, klar. Für Deinen Geschmack musst Du Dich nicht entschuldigen. Aber eine so formulierte verächtliche Aussage, noch dazu mit Deinem "- vielleicht -" (verstehe ich eh nicht, warum Du von vielleicht sprichst, weißt Du vielleicht mehr als die Welt?) finde ich schon, gelinde gesagt, ein wenig befremdlich.

  • Anfang der 1970er Jahre drehten sich auf »unseren« Plattentellern nicht nur die Platten von Pink Floyd, Amon Düül II, Led Zeppelin, Nice, Yes u.a. Kandidaten des Progressive- und (wie man später sagte: ) Krautrock sondern auch die LP "Udo 70" und "Udo 71". Er war mehr als nur ein Sänger der Unterhaltungsindustrie - schon damals - und wurde deshalb auch von denen akzeptiert, die Schlager hassten oder wenigstens nicht ernst nahmen.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Dunkle Geschichten aus Würzburg

    ASIN/ISBN: 3831333580


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Zitat

    und wurde deshalb auch von denen akzeptiert, die Schlager hassten oder wenigstens nicht ernst nahmen.

    Genau so ist es! Er war der einzige "Schlagersänger", den ich gehört habe und seine ernsteren Titel sogar mit Begeisterung. Aber selbst seine etwas platteren, partygeeigneten Songs hatten immer eines gemeinsam: Sie redeten von Toleranz, einer Gruppe gegenüber, einer einzelnen Person gegenüber oder einfach nur von der Liebe

  • Ich war ja nur erstaunt, weil dies ein "Autorenforum" ist, in dem wir dann viele würdigen müssten.


    ….


    Es werden die gewürdigt, die irgend jemand von denen, die hier im Forum umtriebig sind, der Würdigung für wert erachten. Ein Zwang - oder gar eine Würdigungsquote - gibt es nicht.

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    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Es muss 1999 gewesen sein, da machte der Deutschlandfunk eine "Querköpfe"-Sendung mit Götz Alsmann. Und der wünschte sich ein Lied von Udo Jürgens, "Mein erster Weg". Ein wunderschöner Bossa Nova mit einem leichten, lyrischen Text. Das Lied ging mir unter die Haut, und ich kramte in Thüringen mein Telefonbuch aus Münster raus, weil ich wusste, dass Götz Alsmann in der Sentruper Höhe lebt. Da stand er auch eingetragen, ich rief an, erwischte aber nur den AB. Am nächsten Tag rief Alsmann zurück. Das Lied stamme von einer Platte, die gerade neu als CD erschienen sei. Diese hier:


    [buch]B00000B739[/buch]


    Ich probier's mal mit dem Link: Was ich Dir sagen will


    Laut Herrn Alsmann stand in den 70ern "Was ich Dir sagen will" im Schrank bei "Architekten mit Rollkragenpullover und Bürstenhaarschnitt".


    Ein sehr schönes Album. Kann ich warm empfehlen.

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Wenn ich früher im Auto saß, statt nach Hause zu fahren, wohin mich alles trieb, den nächsten und die folgenden Termine irgendwo im Land im Kopf hatte und es so pro Jahr locker auf 60 bis 80 Tsd km brachte, während ich doch nur an meine Liebe dachte und furchtbar einsam war in dem rasenden Blechkäfig irgendwo zwischen Baden-­Württemberg und MeckPom, dann hörte ich Udo Jürgens singen "Ich war niemals wirklich fort von dir".
    Wenn ich mit mir selbst haderte, weil ich einer flüchtigen Versuchung nicht hatte widerstehen können, wenn ich mich verfluchte, weil mein sonst so flinker Mund die Worte nicht fand, um ihr zu sagen, wie unwichtig all das war, was sie doch so ernst nahm, wenn ich des Abends in meinem Hotelzimmer saß und darüber sann, wie ich ihr alles sagen könnte, sang Udo Jürgens "Ich war niemals, niemals wirklich fort von dir".
    Besser kann man es nicht sagen - und singen schon gar nicht. Er hatte dieselbe Stimmlage wie ich, Bariton. Es war leicht für mich, mit ihm mitzusingen. Allein im Auto.
    Er fehlt mir schon jetzt.

  • Ich muss gestehen, dass wir "68"er zu der Zeit auch ein wenig die Nase rümpften, weil wir Udo Jürgens gerade mal tauglich für den Massengeschmack hielten. Reinhard Mey war eher angesagt, weil vermeintlich intellektueller. Der Hochmut legte sich mit der Zeit. Und mit heutiger Altersmilde liebe ich die Songs von Udo. Seine Geburtstagsgala habe ich mir mit Begeisterung angesehen. Schade, dass er gehen musste. Und dennoch: er hatte einen schönen Tod, wenn man das so sagen kann. Mögest du in Frieden ruhen, lieber Udo.

  • Ich habe drei Karten für ein Konzert im März. Ich wollte das meiner Mutter zum 75. schenken, dass wir zusammen hingehen. ich hätte Udo Jürgens selbst sehr gerne gesehen. Er war ein toller Musiker und ein Chansonsänger, kein Schlagerfuzzi. Ich bin traurig.
    Aber so einen Tod kann man sich nur wünschen.

  • Ui, ich habe vielleicht zu oft fassungslos trauernde Menschen erlebt, die keine Zeit mehr hatten, von einem Familienmitglied oder Freund Abschied zu nehmen, weil von jetzt auf gleich gestorben.
    Für mich ist das eher eine Horrorvorstellung, so einfach umzukippen. Ich wünsch mir das langsamer. Aber da haben wir wohl keinen Einfluss drauf.


    Ich finde auch, Heike, Jürgens nahm da eher eine Sonderstellung ein. Ich mag seine Stimme jedenfalls sehr gerne.
    Sagst du deiner Mutter das mit den Karten?? Ich stelle mir vor, dass unsere Elterngeneration da noch mehr dran knabbert als unsereins.

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    "Sinn mag die äußerste menschliche Verführung sein." - Siri Hustvedt

  • Ich sage es meinen Eltern auf jeden Fall.
    Und ich glaube, mit 80 Jahren kommt so ein Tod nicht mehr unerwartet, oder? Es ist vielleicht was anderes aus der Warte der Angehörigen, aber für den, der geht, ist es doch gut so.

  • @Heike und Stefanie: Ich fand es auch ziemlich befremdlich, in einer Berichterstattung von einem "plötzlichen und unerwarteten" Tod zu hören - 80 ist ja nun kein Alter, in dem man den Tod eines Menschen so gar nicht erwartet. Andererseits ist es, wie Ihr ja auch sagt, für die Angehörigen trotzdem "plötzlich", denn gerade bei Udo jürgens ist es ja so gewesen, dass er echt fit bis zum Schluss war. Aber selbst wenn dem nicht so ist - der Tod ist irgendwie immer plötzlich für die Angehörigen. Er ist ein Einschnitt. Auch wenn man sich schon längst aufgrund der äußeren Umstände damit beschäftigt und darauf eingestellt hat. Da macht einfach die Schere mit dem Lebensfaden SCHNIPP. Und weg isser. Der Mensch.


    Mein Vater lag zwei Monate im Wachkoma - da hatte man eine Menge Zeit, Abschied zu nehmen. Zu viel Zeit. Und immer die Vorstellung, dass der, der eigentlich quasi schon tot ist, möglicherweise noch leidet, weil er nicht wirklich gehen kann und schlicht im wahrsten Sinne des Wortes hilflos ist und möglicherweise auch noch mitbekommt, was los ist, und nicht sagen kann, dass er das so nicht mehr will und eine derartige Situation als zutiefst entwürdigend empfindet (und dann für die Angehörigen auch noch vor allem am Anfang noch die Hoffnung, dass der Mensch noch wieder aufwacht). Ich frage mich immer mal wieder, weil ich ja auch als Schriftsteller an menschlichen Reaktionen interessiert bin, wie das für "beide Seiten" ist. Ich denke, für den Sterbenden ist der schnelle Tod besser - gerade wie bei Udo Jürgens, alles okay, geistig fit, die Zukunft voller Planungen für Tournee, man geht spazieren, ist 80, und weg. Das würde ich mir für mich auch wünschen. Besser geht es wohl nicht.


    Für die Angehörigen: Mein Patenonkel ist im Schlaf an einem Herzinfarkt gestorben, ganz ohne Aufsehen. Das muss schrecklich für seine Frau gewesen sein, ihn morgens tot aufgefunden zu haben - im Bett neben sich!


    Bei beiden Fällen kommt für die Angehörigen noch dazu der Stress mit der Abwicklung (klingt blöd, aber ist so) der Beerdigung etc. dazu. Bei uns war es so, dass wir durch die zwei Monate, in denen man zunehmend mit dem Ende rechnen musste, gerade gegen Ende Zeit zur Planung der Einäscherung, Trauerfeier etc. hatten. Das war auch ganz gut, weil man alles gemeinsam in Ruhe beschließen konnte, aber wir mussten auch immer den "Rest" meines Vaters ansehen und wussten, das hätte er nie nicht gewollt.


    Ich denke im Nachhinein, dass so ein "plötzlicher" Tod für den Sterbenden glücklich ist, für die Angehörigen aber auch nicht schrecklicher als ein langsames Sterben. Schockierend, aber auch irgendwie "beglückend". In dem Alter ist es etwas anderes als der plötzliche Tod eines jüngeren Menschen. Und ich denke auch, dass der überraschend schnelle Tod eigentlich für alle die weniger schlimme Variante ist. Die Angehörigen leiden eh, aber der Sterbende nicht, und die Angehörigen leiden punktuell und nicht ewig lang (bei uns waren es ja "nur" 2 Monate) - und die Trauerarbeit bleibt ohnehin die gleiche. Und dazu kommt, dass man gar nicht erst mit der Frage nach Aufrechterhaltung der lebenserhaltenden Maßnahmen konfrontiert wird, nach Abstellen von Maschinen und Einstellen von Nährstoffgaben. Das sind Entscheidungen, auf die man gut verzichten kann. Die nötigen Aktionen für Beerdigung etc. sind in dem Fall eines plötzlichen Todes natürlich ziemlich anstrengend, das war bei uns anders. Ich hätte mir trotzdem für meinen Vater (und uns) gewünscht, dass er beim Spazierengehen tot umgefallen wäre.

  • Udo Jürgens erinnert mich vor allem an meine Kindheit. Es war einmal der Mensch und Tom&Jerry, beide Songs fand ich als Kind gut, zwar nicht ganz so gut wie Paulchen Panther und Captain Future, aber immerhin. Auch erinnert mich Udo Jürgens an meine Mutter aus meinen Kindertagen (sie ist schon immer ein großer Fan gewesen), an die Singles, die in so nem Karton verstaut waren, an so nen alten Plattenspieler mit den beiden Geschwindigkeiten. Richtig fehlen wird er mir wohl nicht, dazu waren mir die Songs dann doch zu bieder und altbacken (in meiner Jugend hab ich Sachen wie Type O Negative, Paradise Lost, Faith No More und Pantera gehört, da passt Udo Jürgens nicht so rein :) ), aber mir tuts trotzdem leid, dass er jetzt weg ist.


    Gruß ...


    Jo, kurz vor seinem Geschenke-Supply-Run

  • So geht mir das auch, Joachim! Nicht unbedingt meine Musik, aber ganz viel Erinnerung dran.
    Und Karen: stimmt alles, was du sagst und gehe ich mit. Habe aber viel öfter völlig geschockte Trauernde erlebt, bei plötzlichem Tod. Ein Cousin von mir ist mit vierzehn Jahren über Nacht (wir dachten alle, es wäre eine Erkältung) an Meningitis gestorben. Hat vier Stunden gedauert zwischen ersten Symptomen und Tod.
    Solche Sachen hab ich aus der Praxis zuhauf in Kopf und Herz.
    Dagegen aber ganz viele erlöste Trauernde, die sagen: es war gut für ihn oder sie, jetzt endlich sterben zu dürfen.
    Für den Sterbenden ist beides schwer, denke ich. Meine Oma sagte auf dem Sterbebett: ich wusste gar nicht, das Sterben so anstrengend ist. Ihr Herz machte einfach immer weiter.


    Im Buch "Die Bücherdiebin" erzählt der Tod so wunderbar die verschiedenen Arten, wie Sterbende sich ihm zeigen, wenn er kommt. Ein Bild hab ich als Wunsch für mich daraus mitgenommen. Eines, in dem der Sterbende bereits auf der Bettkante sitzt und auf ihn wartet. Dass sich niemand, ich natürlich auch nicht, lange Leidenszeit wünscht ist klar.

    [buch]3866855109[/buch]


    "Sinn mag die äußerste menschliche Verführung sein." - Siri Hustvedt