Das Diktat der Politisch Korrekten

  • Weil es so gut zum ursprünglichen Threadthema passt, von dem wir leider abgewichen sind, HIER ein Artikel der österr. Tageszeitung diePresse, der sich kritisch zu den Randalen rund um Sarrazins verhinderte Lesung äußert.

    Ich zitiere daraus Claus Peymann:
    „Es war ein undemokratisches, nazihaftes Gepöbel, dem wir uns
    schließlich beugen mussten. Diese unbelehrbaren Linken benehmen sich wie
    die Brandstifter von Hoyerswerda."


    Manuela :)



  • Ich lese den Thread erst jetzt und muss Tom vollumfänglich zustimmen. Die Art von Widerspruch, die sich in einem "Shitstorm" entlädt, hat nichts mit einer kritischen Auseinandersetzung zu tun. Das ist der wütende Mob, der nach Blut schreit. "Volkszorn" trifft es gut - es fehlen nur die Mistgabeln und Fackeln zum klassischen Bild des Mobs. So etwas ist typisch menschlich und passiert immer wieder und ist wohl kaum zu verhindern. Mit dem Internet erreicht es nur eine neue Qualität, weil sich der "Volkszorn" nicht auf lokale Missstimmungen konzentriert, sondern in kürzester Zeit die gesamte Republik erfasst. Die Anonymität kommt noch dazu, dass so ein Shitstorm rasch ein Ausmaß erreicht, das Existenzen vernichten kann. Moderne Hexenjagd eben.
    Noch viel problematischer ist m.E. jedoch, dass das Geschrei die ernsthafte Auseinandersetzung mit fragwürdigen Ansichten so sehr übertönt, dass diese kaum wahrgenommen wird. Lautes Gebrüll führt jedoch selten zur Einsicht, sondern fördert im Gegenteil das Gefühl, Opfer eines Lynchmobs und damit im Recht zu sein. Nicht nur beim Urheber der fragwürdigen Ansichten selbst, sondern ebenso bei denjenigen, die vielleicht in Teilen zustimmen und sich ebenfalls mit Schlamm beworfen fühlen. Es geht ja nicht um die Diskussion, sondern ums Mundtotmachen.
    Man kann nicht mit Schlamm gegen bescheuerte Meinungen vorgehen. Man stärkt sie dadurch nur.


    Damit kein falsches Bild entsteht - ich halte die Rede für extrem problematisch und bescheuert.

  • Zitat

    Hauptsächlich sachliche Reaktionen auf diesen Hirnschiss.


    8-)


    "Hirnschiss", ja. Sehr sachlich. Und so verhielt es sich eben auch bei vielen anderen Reaktionen. Jemand, der etwas so Unzeitgemäßes, so politisch Unkorrektes sagt, muss dumm sein. Vorsichtig ausgedrückt. Die meisten der ersten Reaktionen bewegten sich auf diesem Niveau. Fokussierten gar auf das Aussehen dieser Frau. Mutmaßten über ihre sexuelle Befriedigung. Und dann, nicht zu vergessen, die Nazikeule, weil sie es wagte, das Adjektiv "abartig" zu verwenden. Mit Verlaub, was für ein dummer Reflex. Tatsächlich ist künstliche Befruchtung - wie das Adjektiv vor "Befruchtung" sagt - ein unnatürlicher Vorgang, ein, biologisch betrachtet, artenuntypisches Verhalten, also ab-artig. Sie hat es ja erkennbar nicht im Sinne von "deviant" verwendet. All dem muss man nicht zustimmen, und ich tue das auch nicht. Ich kann nur nicht akzeptieren, dass Menschen das Recht abgesprochen wird, so zu denken, gar für einen solchen Standpunkt zu werben. Für den es Argumente gibt. Denen man wiederum argumentativ entgegentreten könnte. Das wäre Diskussions- und Streitkultur. Jemanden zu ächten, zu beleidigen, lächerlich zu machen, auszugrenzen, zu verspotten, all das hat lediglich den Hintergrund, dass man um jeden Preis die Meinungshoheit erwerben oder behalten möchte. Es geht darum, Gegnern Angst einzuflößen. Meinungsäußerungen mit einem hohen Risiko auszustatten. Damit die Klappe gehalten wird.


    Noch einmal. Ich bin alles andere als der Meinung dieser Frau. Diese Meinung (!) kann man auch mit allerlei Adjektiven belegen. Ich halte den Religiosität, die hinter dieser Meinung steht, für mindestens wahnhaft, für zutiefst unvernünftig, eigentlich sogar für gefährlich. Aber Gefahren begegnet man nicht dadurch, dass man sie wegschließt, dass man die Gefahrenträger zu Märtyrern macht. Sondern durch Aufklärung. In jedem Sinne des Wortes.


    Und es gibt keine absolute Wahrheit, keine fundamentale Kategorie des menschlichen Denkens und Handelns. Gerade, wer etwas sehr stark glaubt (und hier meine ich nicht Frau L., sondern ihre Gegner), sollte nicht vergessen, dass diese Auffassung sehr wahrscheinlich eine Folge der Meinungsvielfalt ist. Gäbe es die nämlich nicht, würden wir alle immer noch rund um die Uhr dem einen Schöpfer danken. Der Widerstreit der Meinungen ist es, was eine plurale und offene Gesellschaft ausmacht.

  • Jeder* muss das Recht haben, sich nach besten Kräften öffentlich zu blamieren. Es steht auch jedem zu, sich mit grenzenloser Eitelkeit selbst zu demontieren.


    * dem man zutrauen kann, die Folgen seiner öffentlichen Äußerungen einzuschätzen, Ausnahme (aber staatlicherseits kaum bis nicht zu verhindern): die bedauernswerten Opfer von Blöd-TV und Co.

  • Tom
    Zum Begriff "abartig": Es gibt Begriffe, die durch die Verwendung im Zusammenhang mit Rassenwahn, Krieg und Holocaust jede Unschuld verloren haben. Man kann das bedauern, aber meiner Meinung nach ist der Prozess unumkehrbar. Und wenn man so einen Vortrag hält, wägt man normalerweise jedes Wort ab. Ich würde das jedenfalls tun. Gerade bei so wichtigen existentiellen Themen. Ich verstehe deine Position wirklich nicht mehr. Warum soll jetzt diese Wortwahl von dir und anderen entschärft werden. Das hätte die Vortragende doch selber tun können, nämlich vorher, indem sie andere Worte hätte wählen können. Sie ist ein Profi der Worte, und sie hielt genau diese Bezeichnungen für richtig. Und das bringt mich fast zum Kotzen. Nur beteilige ich mich an keinem Shitstorm. Die geben sich nämlich nichts, das eine ist genauso zum Kotzen wie das andere. Aber du scheinst das anders zu bewerten. Du findest den Shitstorm schlimmer als die menschenverachtende, aber korrekt formulierte Scheiße in diesem Vortrag.

  • Hallo, Heike.


    Ich halte diese linguistische Hygiene für scheinheilig. Die Nazis waren und sind längst nicht die einzigen, die Sprache ge- und, vor allem, missbraucht haben, um ihre Ideologie in den Köpfen zu verankern. Tatsächlich haben das viele Mächtige vorher jahrhundertelang getan, hierzulande zumeist unter Federführung der Kirchen, die darin wirklich exzellent waren - einige dieser Begriffe haben, auch in durchaus negativer Konnotation, die Zeiten überlebt. Es wird auch immer noch praktiziert, und es gibt immer noch viele Mächtige, die die Wucht von Sprache verstehen, gezielt einsetzen und damit Verseuchungen anrichten. Das müssen nicht unbedingt Diktatoren sein. Sprache ist unser bevorzugtes Kommunikationsmittel. Sie zu kontrollieren bedeutet, das Denkverhalten zu steuern. Das gilt im negativen wie im vermeintlich positiven Sinn, wenn uns also die selbsternannten Gutmenschen mit ihrer postmodernen Neolinguistik dazu bringen, an alles, was mit einem männlichen Artikel versehen ist, händeringend ein "und -innen" anzuhängen.


    Meine Sprache ist meine Sprache, und ich lasse mir in dieser Hinsicht keine Vorschriften machen, von niemandem. Umso mehr, da ich mich Schriftsteller schimpfe. Ich will keine sinnentstellten Monstren fabrizieren, keine Prosakrüppel, weil mir irgendwer vorschreiben will, dass man dieses und jenes - etwa "Krüppel" - nicht sagen darf, weil es mal Arschlöcher gab, die diese Begriffe entwertet haben. Meine Antwort darauf lautet: Dann werte ich sie eben wieder auf. Und, bitteschön - wo ist denn Eure Sprachhygiene, wenn es um die Zeit vor 1933 und die Konflikte nach 1945 geht, wobei auch Millionen Menschen massakriert wurden, im Auftrag von Leuten, die beispielsweise etwas "Sozialismus" nannten, das meiner Meinung nach letztlich nur eine Art von Faschismus unter anderen Vorzeichen war?


    Und, mit Verlaub. Der Begriff, den die Nazis so abartig besetzt hielten, war "entartet". Das galt als bevorzugtes Adjektiv, wenn es um kulturelle, ethnische und soziale Strukturen ging, die dem eigenen Rassenideal widersprachen. "Abartig" ist in der Soziologie und in der Biologie ein Fachbegriff. Und nicht überwiegend bzw. kein Nazislang.

  • Hallo Tom, aus dem Widerspruch kommst du nicht mehr raus, glaube ich. Du willst alles sagen und schreiben dürfen, aber die Leute, die sich im Shitstorm äußern, sollen das irgendwie nicht dürfen. Hast du zufällig mal die Kommentare damals zum Kachelmannprozess gelesen? Auch das sind leider Meinungsäußerungen. Ich habe mir eines Abends die Mühe gemacht, zumindest die Aufrufe zur Vergewaltigung von Frauen und speziell der Frau, die Kachelmann angezeigt hat, als Missbrauch zu melden. Aber die Scheinheiligen sind noch schlimmer, da gebe ich dir Recht. Zum Beispiel sogenannte Christen, die Frauen, die abgetrieben haben, ihre Würde absprechen, oder Kindern aus dem Reagenzglas ihre halbe Würde.
    Aber ich erkenne an, ich bin hier einfach in der Minderheit. Die Aufregung über den Shitstorm ist größer als die über den Inhalt des Vortrages.
    Ich freu mich übrigens trotzdem sehr auf die Lesung mit dir! Ich muss ja dann auch nicht mehr aufgeregt sein und kann dir ganz entspannt zuhören, wenn du "Krüppel" sagst. Ich werde auch nicht Huch! sagen und auch einige unscheinheilige, schlimme Wörter beitragen.

  • Liebe Heike,


    Shitstorm ist keine Meinungsäußerung. Das ist ein Totschreien, ein digitales Zumüllen. Meinungsäußerung geht anders.


    Horst-Dieter

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Soso, dann gibt es also Ausnahmen. Nämlich dann, wenn ihr definiert: das ist ja gar keine Meinungsäußerung. Wenn euch die Form der Meinungsäußerung oder der Inhalt nicht gefällt, dann genießt die Meinungsäußerung also keinen Schutz mehr. Keine schönen Zitate mehr. Kein Kampf für die Freiheit des Denkens mehr. Für das hohe Gut, alles sagen und schreiben zu dürfen. :kratz2
    Nützt nichts, es ist ein Widerspruch, der da ein kleines bisschen selbstgerecht ganz einfach aufgelöst werden soll.

  • Soso, dann gibt es also Ausnahmen. Nämlich dann, wenn ihr definiert: das ist ja gar keine Meinungsäußerung. Wenn euch die Form der Meinungsäußerung oder der Inhalt nicht gefällt, dann genießt die Meinungsäußerung also keinen Schutz mehr. Keine schönen Zitate mehr. Kein Kampf für die Freiheit des Denkens mehr. Für das hohe Gut, alles sagen und schreiben zu dürfen. :kratz2
    Nützt nichts, es ist ein Widerspruch, der da ein kleines bisschen selbstgerecht ganz einfach aufgelöst werden soll.


    Liebe Heike,


    Shitstorm ist gerade gegen die Freiheit des Denkens. Wenn Massen anfangen jemand totzuschreien - digital oder im richtigen Leben - dann geht die Freiheit des Denkens von dieser Seite aus verloren. Niemand sagt, dass der Einzelne nicht sagen darf, was er will. Aber Shitstorm ist einseitiges Rede- und Denkverbot und zwar von seiten derer aus, die den Shitstorm betreiben.


    'Shitstorm ist immer organisiert - und zwar um Meinung zu unterdrücken.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Eine ganz exakte Grenze wird sich da nicht ziehen lassen, da es immer Fälle gibt, wo einer etwas noch als Polemik versteht, was für den anderen schon eine Beleidigung ist. Aber wenn jemand nur noch beschimpft wird und persönlich fertig gemacht werden soll, dann kann ich darin keine Meinungsäußerungen sehen. Genauso wenn jemand im realen Leben durch Pfiffe oder Gejohle am Reden gehindert wird, weil einem seine Ansichten widerstreben. Ich habe weiter oben den jüngsten Sarrazin-Vorfall schon erwähnt, und erinnere mich an rin Ereignis vor etlichen Jahren. Damals wollte ich einen Vortrag von Peter Singer in Erlangen hören, der dann nicht stattfand, da eine Meute von wildgewordenen Lebensschützern und Chaoten alles blockierte.


    Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Fähigkeit, eine abweichende Meinung und meinetwegen auch eine extrem abweichende Meinung auf argumentativem Weg zu bekämpfen, im Schwinden begriffen ist. Irgendwann gibt es nur noch Gruppenkonsens und Niederschreien.

  • Ich glaube ihr redet komplett aneinander vorbei.
    Heike geht es meiner Ansicht nach nicht um "Scheiße" toll oder nicht toll, sondern um die Definition.


    Ich habe auch das Gefühl, das jeder etwas anderes meint. Deshalb habe ich den Link gepostet. Nur welche Definition meinst du jetzt?

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    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Ich glaube ihr redet komplett aneinander vorbei.


    Das glaube ich auch ein bisschen ")"
    Aber wir sind auch einfach unterschiedlicher Meinung. Man kann niemanden digital totschreien. Das können wir vielleicht locker so sagen, weil wir es nicht kennen, wirklich wegen einer Meinung verfolgt und totgemacht zu werden. Ich finde, man sollte einfach die Kirche im Dorf lassen. Ein Shitstorm bringt niemanden um und macht auch niemanden mundtot. Oder hält Sarrazin etwa die Klappe? Im Gegenteil, er verdient viel Geld und sonnt sich in der Rolle dessen, der endlich die Wahrheit ausspricht und dafür "verfolgt" wird.
    Lieber nimmt man einen Shitstorm gesellschaftlich in Kauf, weil freie Meinungsäußerung nun einmal schützenswert ist, genauso wie man irgendwelche Nazireden oder den Vortrag einer Schriftstellerin ertragen muss, als dass Andersdenkende tatsächlich und real verfolgt werden. Also bitte. Und war diese Sarrazin-Geschichte nicht in Wien? Wisst ihr, dass in Wien 30 % rechts gewählt haben? Dass man in Österreich ungeniert Hitlers Geburtstag feiert? Dass die jungen Menschen dort deshalb viel politischer sind und sich sehr viele Gedanken machen über solche Aktionen und darüber diskutieren? Das ist nicht nur ein doofer Mob. Da haben Menschen Angst vor dem realen Faschismus im Land, und der Mob ist ja eigentlich die Mehrheit, aber das sind diese Leute nicht, sie sind die Minderheit, die keine Presse und kein Forum der Auseinandersetzung kriegen. Ich finde zum Beispiel Trillerpfeiffen bei Naziveranstaltungen wirklich gut.
    So, und jetzt höre ich auf, ich kann mich da reinsteigern. Wie gesagt, ich bin einfach anderer Meinung als die Mehrheit hier in diesem Fred. Macht ja nix.