So viel Zeit. Weg wie nichts.

  • ASIN/ISBN: 345340582X


    Thomas, Rainer, Bulle, Konni und Ole verbringen ihre gemeinsame Schulzeit im Bochum der späten 70er Jahre. Zum Hintergrundsound von Deep Purple, Black Sabbath und Konsorten erleben die fünf Ruhrgebietjungs den ersten Sex, die ersten Drogen und zaghafte Gehversuche auf dem Weg zum Rockstar. Natürlich machen alle den unvermeidlichen Schlenker ins Normaloleben – bis auf Ole, den eine tragische Liebesgeschichte weit genug aus der Bahn wirft, um ein selbstzerstörerisches, selbstmitleidiges Leben in Berlin zu beginnen.
    25 Jahre später erwacht Konni als frustrierter, feiger Biologie- und Religionslehrer, Thomas als erfolgloser Schriftsteller, der sich mit billigen Pornos über Wasser hält. Rainer hadert mit seinem scheiternden Familienleben während Bulle in Trauer um seine viel zu früh verstorbene Ehefrau erstarrt ist. Die vier Bochumer Helden vereint das Gefühl, sich in eine Sackgasse gelebt zu haben und sie beschließen, mit aller Gewalt auszubrechen. Auf einer ihrer mittlerweile institutionalisierten Doko-Runden gründen sie die Hardrock-Band Mountain of Thunder, um nochmal Vollgas zu geben und auf dem anstehenden Jahrgangstreffen ordentlich abzurocken.


    Frank Goosens „So viel Zeit“ bietet jede Menge Lokalkolorit aus dem Pott. Wer die Eisenbahnbrücke am Lohring kennt, weiß, dass man sich da oben an einem lauen Sommerabend tatsächlich ganz vorzüglich das Hirn vernebeln kann. Aber auch ohne Ortsbegehung macht es Spaß, den klar gezeichneten Figuren über knapp 400 Seiten zu folgen und ihre emotionalen Achterbahnfahrten mitzuerleben. Goosen macht den allzu menschlichen Wunsch nach einem intensiv gelebten Leben nachfühlbar. Und er weiß offensichtlich die meiste Zeit, wovon er spricht. Von wenigen Stellen abgesehen, tut er dies gekonnt, unterhaltsam und emotional.

  • Gerade bei Gossen habe ich das Problem, dass ich mich häufiger frage: Wo hat der gelebt?


    Dass, was in der Presse von ihm als Lokalkolorit beschrieben wird, gibt es so im Ruhrgebiet nicht.
    Ich mag ihn als Kabarettist sehr gerne sehen... als Autor aus dem Ruhrgebiet ist er für mich - als Ruhrgebietspflanze -eine echte Fehlbesetzung.

  • Gut...ich gebs ja zu, dass Prinz seinerzeit Recht hatte, wenn sie schrieben, dass das Beste an Herne die U-Bahn nach Bochum war.


    Aber Gossens sehe ich nicht in Bochum. Nur die Nennung ein paar Straßennamen... ist nicht Ruhrgebiet. Auch sein Dialekt ist definitiv nicht Bochum. Viel zu Pott-Global.


    Aber wie gesagt: Als Kabarettist seh ich ihn gerne... Nur nicht als Vertreter für das Ruhrgebiet.

  • Aber Gossens sehe ich nicht in Bochum. Nur die Nennung ein paar Straßennamen... ist nicht Ruhrgebiet. Auch sein Dialekt ist definitiv nicht Bochum. Viel zu Pott-Global.

    Das würde ich gerne mal sehen, wie du den Dortmunder vom Bochumer an der Mundart unterscheidest. ;)


    In "So viel Zeit" wird Straßen-Dialekt nur von wenigen ausgewählten Assis gesprochen (Randfiguren wie ein paar türkischen Mädchen an der Bahnhaltestelle). Eindeutig zur Belustigung des Lesers gedacht. Der Rest des Personals hat nur ein paar Einsprenksel im Normal-Deutsch. Alles andere wäre auch von der Wirkung her kaum einzuschätzen und kann mMn schnell ins Lächerliche abrutschen.

    Aber wie gesagt: Als Kabarettist seh ich ihn gerne... Nur nicht als Vertreter für das Ruhrgebiet.

    Als das sehe ich ihn auch nicht. Ich kenne ihn auch nicht. Wenn er sich selbst in der Presse so darstellt, ist das einfach nur lächerlich und hat vermutlich Marketing-Gründe.

  • Das würde ich gerne mal sehen, wie du den Dortmunder vom Bochumer an der Mundart unterscheidest. ;)


    In meiner "aktiven Ruhrgebietszeit" konnte ich das tatsächlich. Da hatte jeder Garagenweg seine Eigenheiten und man konnte schon nach zwei Sätzen sagen, wo der andere von wech kam...


    Zitat


    In "So viel Zeit" wird Straßen-Dialekt nur von wenigen ausgewählten Assis gesprochen (Randfiguren wie ein paar türkischen Mädchen an der Bahnhaltestelle).


    Das ist ja "Neusprech" oder "Jugendsprech", das hat nix mit Ruhrgebietsdialekt zu tun und wird man wohl auch so in Berlin oder Hamburg finden.


    Zitat

    und hat vermutlich Marketing-Gründe.


    Es hat immer Marketinggründe... oder anders: einer schreit besonders laut und wird dann als "Der Experte" hingestellt. Grausames Gehabe mittlerweile...

  • In meiner "aktiven Ruhrgebietszeit" konnte ich das tatsächlich. Da hatte jeder Garagenweg seine Eigenheiten und man konnte schon nach zwei Sätzen sagen, wo der andere von wech kam...

    Echt? Also heute kann ich das jedenfalls nicht. Mir fallen auch keine Beispiele ein bzgl. Wortschatz oder so. Bloß "Furzknoten". Das ist mir beim Goosen aufgestoßen, haben wir hier als Köttel gesagt, hört man aber nicht mehr.


    Edit wg. üblem Knoten im Sprachzentrum:
    Kann ich doch. Steh ich vor paar Wochen mit nem Zwölfjährigen in der Küche und der will ein "Hümmelchen" von mir haben.
    Nicht, was ihr jetzt denkt. Jedenfalls, wusste ich nicht, was das sein soll. Wir sagen dazu einfach Sparschäler. Ist Dortmunder, der Kleine. Ansonsten aber schwer in Ordnung. ;)

    Das ist ja "Neusprech" oder "Jugendsprech", das hat nix mit Ruhrgebietsdialekt zu tun und wird man wohl auch so in Berlin oder Hamburg finden.

    Finden ja, aber eben nicht so. Wäre doch auch komisch, wenn die bei der großen räumlichen Distanz den gleichen Dialekt (oder Soziolekt oder was weiss ich) sprechen würden. Hab jetzt keine Lust, die Stelle rauszusuchen, aber ich kann mich an "ey" erinnern. Sagt man das in Berlin auch? Das ist für mich Ruhrpott.

    Es hat immer Marketinggründe... oder anders: einer schreit besonders laut und wird dann als "Der Experte" hingestellt. Grausames Gehabe mittlerweile...

    Ja. Ich wollte den Goosen und sein Buch auch hier nicht als Ruhrgebietler bewerben, sondern als Autor, der spannend und tlw. zum Schießen komisch erzählen kann.
    Und der eben auch glaubhaftes Lokalkolorit einbaut, dabei bleibe ich.
    Zum Beispiel der Umbau der Brücke bei Schloß Kemnade und die Sicht der Bevölkerung auf diesen Umbau, die tatsächlichen Gründe usw. Das ist schon solide recherchiert, bzw. er hat ja wohl die ganze Zeit hier gelebt, ist zur Schule gegangen und zur Uni usw.

  • ...gelesen. Ich verstehe das ganze vorgelagerte Lokalmarketingdialektsdebakel nicht. Das sind doch Formsachen. Kann man drüber reden. Aber mir ist es egal, als was er sich bezeichnet oder bezeichnet wird, der Inhalt ist doch das entscheidende. Für mich funktioniert das Buch auch in Niedersachsen, in Berlin oder in sonstewo. Tolles Buch, gute Dialoge und eine richtig gute Geschichte(n). Werde ich verschenken und empfehlen.

  • Der Mann heißt GOOOOOOOOOOOOOSEN, nicht Gossen !:frust


    Habs noch nicht gelesen, aber kenne ihn.


    "Hümmelken" ist Pott, aber kein Sparschäler, sondern ein sauscharfes spitzes kleines Messer, mit dem ich mich erst gestern geschnitten habe. Gibbet im Konsum für 10 Euro.


    Ey und hömma und komma sagen wir Zugereisten auch. Und es gibt durchaus Unterschiede. In Bottrop gebrauchen auch Akademiker/Lehrer (nun ja...) das Doppel-T statt s, also watt datt etc. Bissl demonstrativ. Machen wir in Doatmund nich so. Ich erkenne auch im Ausland jeden sofoat, dea von hia wech iss. :)

  • Jetzt habe ich es auch gelesen, mit Vergnügen sogar. Zumindest teilweise. Aber zufrieden bin ich nicht. Die ganze Sache um Ole funktioniert bei mir nicht. Erst machen alle ein Gewusel um diesen Typen, dann ist er derjenige, der die ganze Bande in Schwung bringt, ohne dass vermittelt wird, wie er das tatsächlich anstellt. Man muss sich selbst viel vorstellen - dann geht's. Und dann machen alle ein riesen Geheimnis um Ole und seine Dora und das da was passiert sein muss vor Jahren, keiner traut sich das anzusprechen und am Ende kommt nichts weiter als ein Unfall heraus, bei dem nicht klar ist, wie er eingentlich passiert ist und wer schuld daran war. Solch eine dramatische Sache muss doch mehr Wellen geschlagen haben. Zumindest damals im Pott wäre das nicht einfach so untergegangen. Schade um das Buch, aus Ole hätte man mehr machen können. Und gerne gelesen habe ich es trotzdem.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Den Film werde ich mir auch anschauen. Das Buch habe ich wohl schon einmal gelesen, hat aber keine bleibenden Eindrücke hinterlassen. Also habe ich es noch einmal gelesen, als ich die Ankündigung für den Film gesehen habe. Sogar in Berlin habe ich letzte Woche den Film nicht gefunden. Würzburg auch nicht. Bad Mergentheim.....Jahre später. Sieht so aus, das der Film nicht gut läuft. Mal sehen, wann ich ihn in irgendeinem erreichbaren Kino sehen kann.