TA 6: Eugenie Marlitt - Reichsgräfin Gisela (Kapitel 26ff)

  • Verehrte Anwesende,


    die TA beschäftigt sich vom 24.11. an mit Eugenie Marlitt. Da es um etwas mehr Text geht, habt ihr schon jetzt die Möglichkeit, in die Lektüre einzusteigen,


    Judith, die diesen Text vorgeschlagen hat, möchte vorher noch einige einleitende Worte loswerden:


    TA Eugenie Marlitt, bürgl. Eugenie John


    Reichsgräfin Gisela, Kapitel 26 und folgende, 1869


    Ich weiß, dass ich euch diesmal viel abverlange. Viel Text (die letzten 7 Kapitel eines Romans), der sich noch dazu nicht wirklich nach den modernen Vorstellungen von Spannung zu richten scheint und keine Scheu vor großen Gefühlen hat, die häufig genug eher in der Beschreibung als in der Handlung zu finden sein könnte. Sollte man zumindest erwarten, schließlich sind personale Erzähler noch nicht über den Kanal geschwappt und show don't tell hat auch noch keiner in Stein gemeißelt, ja dieser Marmor ist noch gar nicht gebrochen. Wieso stellt man sie ins Spielhagens Nähe? Wieso entdeckt sie die Kritik immer mal wieder und warum fällt es so schwer, sich nicht dafür rechtfertigen zu müssen?


    Genau darum so viel Stoff. In der Diskussion soll es aber dann ums pars pro toto gehen, um die Textstellen, die euch am meisten auffallen, die Techniken, die sich wiederholen. Der Vorteil der Gutenberg-Ausgabe besteht darin, dass sich Passagen leicht kopieren lassen. Also keine Scheu, schnipselt ein paar Sätze raus und untersucht sie auf die Fragen hin, die ich unten stelle.



    Warum nun Eugenie Marlitt?


    Ja, sie hat Trivialromane geschrieben, könnte man sagen. Ihre Charaktere neigen dazu, gut oder böse zu sein, am Ende. Ja, ihre auktorialen Erzähler beziehen Stellung, ziemlich eindeutige, und wechseln die Position, von der aus sie auf Figuren blicken, manchmal satzweise. Aber ...


    In vielen, wenn nicht die meisten ihrer Texte tritt zum Aschenputtel auch ein Aschenputter, ist die Suche nicht auf das Materielle, sondern auf die Liebe gerichtet.


    He, das ist typisch für den Liebesroman?


    Ja, sicher, aber in einer Welt, wo auch Bürger und Bauern die Ehe als Versorgungseinrichtung sahen, endeten literarische "Liebesheiraten" eigentlich nie glücklich. Das Happy-End ist jenseits des Märchens zu Marlitts Zeit wahrscheinlich eher noch eine relativ neue Erfindung.


    Und dann ein Aschenputter, der die Reichsgräfin bekommt, aber den allfälligen Adelstitel vor der Hochzeit zurückweist, welcher moderner historische Roman, welche moderne Prinzessinnenkomödie ginge dieses Wagnis ein?


    Und welche Pfarrersfrau in den Hosenrollenromane würde, wo sie grade einer Gräfin Sturm Asyl im Pfarrhaus gewährt, wohl darüber nachdenken, welchen Beruf das Mädchen ergreifen wird?


    Und wie kann das die Auflage einer Frauenzeitschrift so steigern, dass die Marlitt am Ende eine Leibrente erwirtschaften hat, wenn da das 1869 drin steht:


    »Wie, ins Kloster will man mich stecken? Zwischen vier enge hohe Mauern? Mich, die ich im grünen Wald aufgewachsen bin?« stöhnte sie. »Ich soll, solange ich lebe, nur das eingeschlossene Stückchen Himmel über mir sehen? Ich soll ein ganzes Leben lang Tag und Nacht Gebete hersagen, immer dieselben Worte, die schon in den ersten Tagen eine sinnlose Plapperei werden? Ich soll mich zwingen, nicht mehr Gottes Ebenbild zu sein, sondern eine stumpfe Maschine, der man das Herz ausgerissen und den Geist zertreten hat?... Nein, nein, nein!...«


    Sie sprang auf und steckte ihrem Stiefvater gebieterisch den Arm entgegen.


    »Wenn du wußtest, was mir bevorstand, dann mußte auch von meinem ersten Denken an alles geschehen, mich mit meiner furchtbaren Zukunft vertraut zu machen; so aber habt ihr mich meinen eigenen Gedanken und Schlüssen überlassen, und ich will dir sagen, wie ich über das Kloster denke!... Hat sich je der Mensch von Gott und der klaren Vernunft weit verirrt, so ist es in dem Augenblick gewesen, da er das Kloster erfunden hat! Es ist Wahnsinn, eine Anzahl Menschen in ein Haus zusammenzustecken, um Gott zu dienen!... Sie dienen ihm nicht, sie verdrehen seine Absichten, denn sie lassen die Kräfte in Nichtstun verwelken, die ihnen zur Arbeit gegeben sind. Sie schlagen das Pfund tot, das er ihnen hinter die Stirn gelegt hat, und je weniger sie denken, desto hochmütiger sind sie und halten ihre Stumpfheit für Heiligkeit. Sie arbeiten nicht, sie denken nicht, sie nehmen von der Welt und geben ihr nichts zurück – sie sind ein isolierter, unnützer, träger Menschenhaufen, der sich von den Arbeitsamen füttern läßt...«


    Der Minister stand auf; sein Gesicht war fahl wie das einer Leiche. Er ergriff den Arm des jungen Mädchens und bog ihn nieder.


    »Besinne dich, Gisela, und bedenke, was du lästerst! Es sind geheiligte Institutionen –«


    »Wer hat sie geheiligt? Die Menschen selbst... Gott hat nicht gesagt, als er den Menschen schuf: Verstecke dich hinter Steinen und verachte alles, was ich der Welt Schönes und Herrliches gegeben habe.«


    »Schlimm für dich, mein Kind, daß du in dein neues Leben eine solche Philosophie mitbringst!« sagte der Minister achselzuckend. Er stand mit verschränkten Armen vor ihr. Einen Moment maßen sich die vier Augen, als wolle jedes die Kraft des anderen angesichts des ausbrechenden Sturmes prüfen.


    Was also tut sie da, diese Marlitt, in den letzten Kapiteln der "Reichsgräfin Gisela"?


    Und wie tut sie es?


    Und wieso Marlitt und nicht Buck?


    Weil ich diesmal keine Übersetzungsdikussion wollte. :evil Nein, eigentlich deshalb, weil man die Entwicklung erst sehen kann, wenn man noch bei den Wurzel beginnt, zwar schon da, wo sie den Erdboden durchstoßen, aber immer noch bei den Wurzeln.


    Es ist schon ein bisschen seltsam, wenn nun ausgerechnet ich dieses Thema moderiere, die ich eigentlich nicht in den typischen Leserkreis gehöre. Doch was mich an der Marlitt reizt, ist das, was vielleicht moderne Leserinnen des Genres gerade abstößt, die spürbare Authentizität und die Distanz zur adligen Gesellschaft, die allerdings in der Reichsgräfin noch stärker ausgeprägt ist als sonst. Selbst die durchaus überdeutliche politische Parteinahme, die diese Geschichten auszeichnet, die, ja, das tun sie, märchenhafte Formate verwenden, um einen Teil der Wirklichkeit zu spiegel. Und weil ihre Sprache, auch wenn es eine orthographisch angepasste Ausgabe ist, deutlich zeigt, dass es gar nicht so altertümlich klingt, dieses Deutsch.



    Vier Fragenkomplexe sollen uns durch die nächsten zwei Wochen begleiten.


    Wie ändert sich der Blickwinkel (auf die Figuren) des auktorialen Erzählers(1) mit den Erzählsituationen? Welche Wirkung hat die Änderung Zeiteben/-form im "Epilog" auf euch? Was bedeutet das für die erzählte Zeit und Erzähltempo? Was davon könnte man heute noch als Werkzeug verwenden, was nicht?


    (!)Achtung: Hier ist der klassische allwissende Erzähler der Schreibtheorie gemeint, der alles weiß und sich frei entscheiden kann, ob und wann er in den Kopf einer Figur schlüpft oder sie von außen betrachtet, ob er sich direkt an den Leser wendet, kommentiert oder nur beobachtet, was er von jedem Punkt einer Szene aus tun kann)


    Wo sind die Beschreibungen detailliert, wo scheint sich die Marlitt auf die Bilder verlassen zu können, die sie in ihrem (bürgerlichen) Lesern erwarten kann? Und wie sieht es mit ihren manchmal erstaunlich "modern" erscheinenden Vergleichen wie z.B. der chinesischen Mauer aus, welche wirken schräg oder unsauber und warum?


    Für ihre Zeit sind Marlitts Dialoge durchaus knackig. Wie charakterisieren sie ihre Figuren und warum scheint sie dem Inhalt des Sprechtextes trotzdem nicht zu vertrauen und "erklärt" sie scheinbar doch sehr häufig in den Sprechunterbrechungen? Und was können wir daraus für die eigene Arbeit gewinnen? Können Romane wie dieser dabei zumindest als Steinbruch für authentische Sprechtexte in Romanen dienen, die in dieser Zeit spielen?


    Welche Frauentypen werden in diesen letzten Kapiteln einander gegenüber gestellt? Und gibt es geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Figurentiefe?


    Zusätzlich:


    Wenn ihr danach noch genug Kraft habt, das erste Kapitel zu lesen, und zwar wirklich erst danach: Wie eröffnet der Text seinen Kreis und kann er ihn schließen?


    Und schließlich: Ist jede Unterhaltungsliteratur trivial? Und was ist das überhaupt, trivial. So was ähnliches wie Pornos, "das man wirklich nicht fassen kann, aber erkennt, wenn man es sieht", oder gibt es handfeste Kriterien, die diese Literatur gegenüber anderer abgrenzen, und wo finden die sich in diesem Text?


    So, und nun wünsche ich euch viel Spaß oder zumindest gewinnbringende Mühe mit diesem "Monster".


    Liebe Grüße
    Judith



    Lesehinweise:


    - der Fürst ist ein alter Mann


    - der Minister (Baron Fleury) wird oft als der Mann mit den hängenden Lidern beschrieben


    - die Zigeunerin, die dem Portugiesen aus der Hand liest, ist nicht die Reichsgräfin, sondern eine der Hofdamen, denen sich Gisela aufgrund ihrer abgeschiedenen Erziehung unterlegen fühlt


    - Konvenienz - hier die Einhaltung der schicklichen gesellschaftlichen Abstände (der Begriff ist im Deutschen verlorengegangen, die K(C)onvienz(ce)produkte von heute sind eine Neuentlehnung aus dem Englischen :evil)


    - Jephtas Tochter


    - Urias Weib = Batseba


    - Terzerol - eine Damenpistole


    Soweit die sehr ausführlichen Hinweise von Judith. :anbet


    Ich wünsche euch ab Mittwoch eine spannende und interessante Textanalyse.


    Herzlichst


    Wolf P.

  • moin judith,


    ich schaffe es leider nicht, mich im rahmen dieses ta mit deiner gräfin zu beschäftigen. kommt gerade zeitlich ungelegen. so schade! lesen werde ichs aber. mal shen, wie mir der text gefällt :D


    :strauss

  • Hallo Siempre,


    Zitat

    Original von siempre
    moin judith,


    ich schaffe es leider nicht, mich im rahmen dieses ta mit deiner gräfin zu beschäftigen. kommt gerade zeitlich ungelegen.so schade!


    Ja, wirklich schade.


    Zitat


    lesen werde ichs aber. mal shen, wie mir der text gefällt :D


    :) Muss er gar nicht, wenn er es tut, umso besser.


    Liebe Grüße
    Judith

    Nay, thy lordship, me ain't no thief, not even a smart one - Piper Quickfingers



    Der Tokee in Die rote Kammer [buch]393991407X[/buch]

  • Hallo Lametta,


    och, ich glaube, das du mehr kannst. Das Lustige ist, dass ich eher auf der Karl May Seite war als Kind. (-:. Die Marlitt war eine Zwangsentdeckung in einem Lesekreis für mich, aber bereut habe ich das in keiner Weise. ;)


    Liebe Grüße
    Judith

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  • Ma douce petite, :kiss


    ist es nicht angenehm, wenn die intensive Textarbeit und das textanalytische Aufspüren von Klein- und Kleinsträumen in Meisterwerken der Weltliteratur, die sich dem eigenen Vorstellungsvermögen so zwanglos akkordieren, einmal nicht durch einen Co-Referenten gestört werden?

  • Zitat

    Original von Judith
    Hallo Lametta,


    och, ich glaube, das du mehr kannst. Das Lustige ist, dass ich eher auf der Karl May Seite war als Kind. (-:. Die Marlitt war eine Zwangsentdeckung in einem Lesekreis für mich, aber bereut habe ich das in keiner Weise. ;)


    Liebe Grüße
    Judith


    Karl May hat mich nicht gefangen...dafür gab´s nach der Marlitt dann noch die mit Genuss die Courths-Mahler-Romane meiner Mutter...

    [buch]3866855109[/buch]


    "Sinn mag die äußerste menschliche Verführung sein." - Siri Hustvedt

  • Tomasu-san,


    :rofl :rofl:rofl :rofl :rofl :rofl.


    =) d as hat jetzt länger gedauert, als ich erwartet habe. Einen Strauß hätte es aber gibt es nur für elegante Angriffe gegeben. Du schwächelst in letzter Zeit.


    Aber zum Beitrag:


    Zitat

    die sich dem eigenen Vorstellungsvermögen so zwanglos akkordieren



    = die sich dem eigenen Vorstellungsvermögen so zwanglos aushandeln/abmachen/absprechen/verhandeln/übereinkommen


    Das zeigt schon einmal, wie schwierig es sein kann, aus Marlitts Schreibe eigene, nach deren Zeit klingende Passagen zu generieren, denn auch das grimmsche Wörterbuch scheint den Begriff "akkordieren" nur in Zusammenhang mit Verträgen zu kennen. Sich allein am latinisierten Klang zu orientieren, reicht dafür IMHO nicht aus.


    Liebe Grüße
    Judith

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  • Hallo Lametta,


    die habe ich nicht gelesen, aber 80 Millionen andere. (-:


    Wenn du magst, kannst du gerne die beiden vergleichen.


    Liebe Grüße
    Judith

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  • Hallo Judith,


    melde mich als stilles Mäuschen!


    Bislang habe ich die Kapitel 26 bis 28 gelesen und werde der Textanalyse folgen - allerdings erst einmal als Zuschauer. Als Greenhorn möchte ich lernen, wie eine Textanalyse bei euch läuft.


    Eugenie Marlitt war mir bisher unbekannt, ebenso wie etwa Friedrich Spielhagen. Das finde ich reizvoll, aber es ist wohl keine Grundlage, um gleich selbst mit in die Analyse einzusteigen.


    Ich freue mich darauf, hier meine ersten Eindrücke von der Arbeit bei den 42ern zu sammeln.


    Liebe buchstabensuppengekochte Grüße!


    Hugo

    Es gibt drei Regeln, wie man einen Roman schreibt. Unglücklicherweise weiß niemand, wie sie lauten. (William Somerset Maugham)

  • Hallo Hugo,


    erst einmal herzlich willkommen! :blume


    Du kannst gern zuschauen, aber nichts spricht dagegen, gleich einzusteigen. Es gibt ja IMHO kein Richtig oder Falsch in der Textarbeit, nur verschiedene Sichten, und ich hoffe immer, das wir die dann auch diskutieren können. Manchmal klappt das sogar. :D


    Jeder Moderator macht es dabei ein wenig anders. Ich sehe es so, dass ich mich mit meiner Meinung erst einmal zurückhalte, weil mich eure interessieren und ich keinen Einfluss aus Lesarten ausüben will. Für mich ist nämlich die Selbstbeobachtung bei der ersten Reaktion auf einen Text auch ein wichtiges Arbeitsmittel, wenn es darum geht, den Werkzeugkasten zu füllen.


    Liebe Grüße
    Judith

    Nay, thy lordship, me ain't no thief, not even a smart one - Piper Quickfingers



    Der Tokee in Die rote Kammer [buch]393991407X[/buch]

  • Hallo Thomas,


    schau einfach mal in deine PN, bevor du viel Mühe aufs Bohren verwendest und du dich wunderst, dass du keine Antworten bekommst, die über Textanalyse hinausgehen. =)


    Öffentliche Klarstellungen liegen mir eher weniger, aber da du meine PN sonst nicht liest, bleibt mir kaum etwas anderes übrig. ;(


    Liebe Grüße
    Judith

    Nay, thy lordship, me ain't no thief, not even a smart one - Piper Quickfingers



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  • Zitat

    Original von Judith
    Hallo Thomas,
    schau einfach mal in deine PN, bevor du viel Mühe aufs Bohren verwendest und du dich wunderst, dass du keine Antworten bekommst, die über Textanalyse hinausgehen. =)
    Öffentliche Klarstellungen liegen mir eher weniger, aber da du meine PN sonst nicht liest, bleibt mir kaum etwas anderes übrig. ;( Liebe Grüße Judith


    :schaf Walk in peace! But walk!

  • Hallo ihr Lieben,


    nun sind die zwei Wochen fast vorbei, und ich hoffe, euer Schweigen hat damit zu tun, dass es viel zu viel Text, das Ende eines Romans, zu viele oder falsche Fragen waren, oder mit mir, all das wäre in Ordnung und würde mir helfen, neue Ansätze zu finden, es beim nächsten Mal anders und hoffentlich besser zu machen. Und keine Angst, ich bin weder enttäuscht, noch beleidigt, noch betrübt. Ich mache ich das lange genug, um zu wissen, dass es mal so und mal so läuft. :D


    Zurück zum Thema und damit gleich zum Anfang einer Predigt:


    Ich hoffe tatsächlich, dass ihr nicht deshalb geschwiegen habt, weil der Text von jemandem namens Eugenie Marlitt stammt, oder einer der ersten Bestseller war, oder unter Trivialliteratur läuft. Solche Berührungsängste finde ich zumindest bedenklich.


    Was denn, so was Wertendes von Judith? Ja, in der Tat, ich werte nicht gern und nicht oft und schon gar über meine eigene Wahrnehmung hinaus, aber in diesem Fall geht es um etwas Grundsätzliches. IMHO lernt man eben nicht nur an dem, was überragende Kunst ist, sondern auch an dem, was schlichtes Handwerk sein soll. Und in jedem anderen ist das auch anerkannt. Das hat ein IMHO bisschen was mit einem Kunstbegriff zu tun, die diese über alles stellt, dabei ist die Kunst genau der Anteil am Schreiben (wie bei allen anderen Formen des Ausdrucks), der sich eben nicht erlernen lässt, sondern in einem selbst zu finden ist. Und nur da.


    Deshalb ist das Kunsthandwerk auch eines von vielen möglichen Fundamenten, auf denen die Kunst aufbauen kann und deshalb ist es IMHO auch fruchtbar, sich an zu sehen, wie und warum solche Arbeiten Menschen erreichen und sei es nur dazu, herauszufinden, dass der eigene Weg ganz anders verlaufen muss.


    Okay, das war der Predigt erster Teil, der zweite kommt bei meinem Versuch, mich dem Begriff der Trivialität zu nähern. Und seit gewarnt, da gibt es noch mehr – z.T. recht sperrigen – Lesestoff. Jetzt aber erst einmal zum ersten Fragenkreis des Marlitt-Textes.


    Wie ändert sich der Blickwinkel (auf die Figuren) des auktorialen Erzählers(1) mit den Erzählsituationen? Welche Wirkung hat die Änderung Zeiteben/-form im "Epilog" auf euch? Was bedeutet das für die erzählte Zeit und Erzähltempo? Was davon könnte man heute noch als Werkzeug verwenden, was nicht?


    Natürlich geht das nur an ein paar exemplarischen Stellen, aber für das Handwerk reicht das ja. Und ich stelle nicht die Frage danach, ob die Effekt absichtlich erzeugt wurden oder nicht. Es geht im Wesentlichen darum, sich zunächst selbst dabei zu beobachten, wie Stellen auf einen wirken und dann daraus möglicherweise etwas für die eigene Arbeit herzuleiten, nicht darum, herauszufinden, ob diese oder jene Technik ein Zufallsprodukt ist oder gezielt eingesetzt wurde.


    Die Poetik (also die Vorstellung davon, welche Techniken einen Roman ausmachen, mit denen die Marlitt nach eigenen Angaben und deren ihrer zeitgenössischen Kritiker gearbeitet hat, finden sich dabei hier in einer kritischen Betrachtung von 1917 (sehr interessant der auf S. 144 erwähnte Vorwurf gegen die die Entwicklung der Figur innerhalb der Handlung - so ändern sich die Zeiten).


    So, nun aber los:


    Der Blickwinkel ist dabei für mich die räumliche Position, von der aus erzählt wird. Bei allwissenden Erzählern kann man das mit dem Ort gleichsetzen, an dem sich der Erzähler als Beobachter gerade befindet. Viele Erzähler des 19. Jh. scheinen sich dabei diesen Erzähler als Person/Lebewesen vorgestellt zu haben (dabei will ich mich jetzt nicht darum kümmern, ob ein mitten im oder am Ende/Anfang manchmal auftauchendes Ich diesen auktorialen Erzähler (AE) zum retrospektiven Ich-Erzähler (IE) werden lässt. Das ist ein anderes, weites Feld im Konflikt zwischen Literaturwissenschaft und Schreibhandwerk bzgl. der Bedeutungsbandbreite von Begriffen). Für meinen Teil stelle ich mir lieber eine Kugel vor, in der der Beobachter sitzt und die sich unabhängig von jedem Naturgesetz durch den Raum bewegen kann. Das hat den Vorteil, dass „Raum“ hier nicht zwei-dimensional aufgefasst wird, sondern tatsächlich als physischer Raum auftritt, also mit (mindestens) drei Dimensionen. :D


    Dabei ist alles, was jetzt folgt, natürlich meine Lesart, die keinerlei Anspruch erhebt, allgemeingültig zu sein. ;)


    Kapitel 29, Einstieg:


    1. Der Zug setzte sich in Bewegung. Seine Exzellenz schritt mit Gisela dicht hinter dem Fürsten, der den Portugiesen an seine Seite gerufen hatte...


    Hier folgt die Kugel des Erzählers dem Zug, so als wäre sie ein Teil davon, beobachtet die Figuren des Interesses, wie es jemand täte, der sich einige Schritt zurückfallen lässt, um genau das zu tun, und dafür gerade in Hörweite bleibt. Die Höhe der Kugel kann über all sein, für mich führen aber „dicht“ und „an seine Seite“ dazu, dass sie sich etwa in Augenhöhe eines Menschen befindet.



    2. Wer das Gesicht Seiner Durchlaucht kannte, der wußte, daß er, trotz der außerordentlichen Beherrschung seiner Züge, trotz des alltäglichen, fast inhaltslosen Geplauders, das er an Oliveira richtete, in heftiger Aufregung war. Er schritt, ganz entgegengesetzt seiner sonst streng gemessenen Art und Weise, sehr eilfertig und hastig nach dem weißen Schlosse – unheimlich still und gedrückt folgte ihm der Zug der Gäste – die Erzählung des merkwürdigen Fremden war wie ein erstarrendes Element auf die überschäumende Lust gefallen.


    Hier saust die Kugel nach vorn und fliegt mit den Augen auf die Figuren gerichtet ihnen voraus Richtung Schloss, quasie wie ein Berichterstatter, der seine eigene Kamera führt und dabei rückwärts geht. Die Position der Kugel, in der unser Kameramann sitzt, ist etwas oberhalb der Köpfe, so dass er alles im Blick behalten kann, Schrittlängen, Gesichter, Sprache, Erstarrung derjenigen, die weiter hinten im Zug gehen. Der Reporter liefert dabei die Interpretation des Beobachteten mit. (Wer das Gesicht Seiner Durchlaucht kannte …)


    3. Es war übrigens die höchste Zeit gewesen, den Festplatz zu verlassen. Rasch aufeinander folgende Windstöße brausten über den See (3a) und warfen die im Fackellicht purpurn sprühenden Wellen so hoch an das seichte Ufer, daß die zarten, atlasbeschuhten Füßchen der Damen ängstlich zurückwichen (3b). Soweit der rote Schein der Illumination über den Himmel hinflog, zeigte er eine schwarze, gärende Masse, die hier und da in jenen fahlweißen Spitzen und Kuppen gipfelte, die den Hagel in ihrem Schoß tragen. (3c) Man drängte sich eng aneinander, die wildaufflatternden Umhüllungen mühsam festhaltend. Eine Fackel nach der anderen erlosch in den jäh an- und abschwellenden Atemzügen des Gewittersturmes; (3d)


    Die Kugel steigt auf und nimmt dabei den Leser mit, weil sie letzteren genug Zeit lässt (Es war übrigens …), sich neu zu orientieren. Das ist IMHO ein Werkzeug, dass man auch heute noch verwenden sollte, denn wenn man einen AE benutzt, besteht eine der großen Gefahren darin, zu schnell von einem Blickwinkel zum nächsten zu springen. Wenn es aber wie hier einen Zeiger für den Richtungswechsel gibt, hängt man sie eben nicht ab.


    Von ihrer neuen Position aus überblickt der AE in seiner Kugel den ganzen Raum, vom Himmel bis auf den Boden, vom See bis zu den Schuhen der Damen. Und dort oben verweilt sie ziemlich lange, liefert so dem AE Zeit, in den Lesern die Bilder eines gewaltigen Sturms zu erzeugen.


    Dabei geht er ins recht überschwängliche Detail bis hin zur einer für mich, als moderne Leserin, ironischen Übertreibung (die zarten, atlasbeschuhten Füßchen). Ob das ironisch gemeint ist, oder bei den zeitgenössischen Lesern so ankam, ließe sich nur mit einer entsprechenden literaturwissenschaftlichen Untersuchung nachweisen, für das Handwerk ist es aber für mich überflüssig, weil es so bei mir ankommt. Was vor allem daran liegt, dass hier die Stilmittel übereinander gelegt sind: Adjektive und Verkleinerungsform sowie eine Zuweisung von Willen an ein Körperteil, dass keinen eigenen hat (… Füßchen zurückwichen) und die Kugel damit vom großen auf das winzige Detail fokussiert.


    Die Stellung der Kugel wird darüber hinaus dadurch gesichert, dass plötzlich nicht mehr die Individuen betrachtet werden, sondern eben die Körperteile und selbst als die der Blick zurück auf Personen geht, das unbestimmte Pronom „man“ eingesetzt wird.


    Zum Schluss ändert sich die Blickrichtung der Kugel so, als der Blick vom See auf das Schloss gewendet, zwar schneller, als beim Einstieg in die Totale, aber immer noch so, dass auch die Leser dem Wechsel folgen können (aber dort/bereits):


    4. aber dort strahlte ja bereits das weiße Schloß in seinem Lichtermeer wie ein aus Feuer geschnittener Würfel herüber – es galt noch ein kurzes, tapferes Ringen, und das schutz- und lustverheißende Dach war erreicht.


    Interessant hier der Vergleich des Schlosses mit einem Würfel, der es eher dem klassizistischen Ideal als den früheren Bauformen zuzuordnen scheint. Und wieder Ironisierung durch Überhöhung: „kurzes, tapferes Ringen“, und ein für mich durchaus überdeutliches erotisches Element (lustverheißend), das auch die Funktion des Schlosses überträgt.


    Weiter dann im nächsten Posting.

  • Zitat

    Original von Judith
    Hallo ihr Lieben,


    nun sind die zwei Wochen fast vorbei, und ich hoffe, euer Schweigen hat damit zu tun, dass es viel zu viel Text, das Ende eines Romans, zu viele oder falsche Fragen waren, oder mit mir, all das wäre in Ordnung und würde mir helfen, neue Ansätze zu finden, es beim nächsten Mal anders und hoffentlich besser zu machen. Und keine Angst, ich bin weder enttäuscht, noch beleidigt, noch betrübt. Ich mache ich das lange genug, um zu wissen, dass es mal so und mal so läuft. :D



    Liebe Judith,


    es lag, zumindest bei mir daran, dass es »viel zu viel« Text war. Einerseits. Ich habe angefangen zu lesen und irgendwann abgebrochen, weil das Ende nicht in Sicht war, ich mit anderen Aufgaben (Broterwerb u.a.) aber zu Ende kommen musste.


    Es lag aber auch daran, dass mir die Art des Textes nicht behagte. Oder deutlicher gesagt: Ich musste mich durchquälen. Normalerweise kein Problem, das kann ich auch und mache ich unter bestimmten Voraussetzungen (z.B. bei der Aktion »Textanalyse«) durchaus sogar motiviert, aber es klappt eben nicht immer.


    Dazu, den Text mit deinen Fragen zu untersuchen bin ich also nicht gekommen. Ob die verkehrt sind, kann ich jetzt objektiv nicht sagen. Aber schlecht wäre es jedenfalls nicht, die Aufgabenstellung auf möglichst eine Frage(stellung) zu verdichten. Zwei Wochen nebenher einen Text (zumal wenn er umfangreich ist und umfangreich ist jeder Text, der über 10 Seiten Normseiten hinausgeht) zu untersuchen und ihn dabei von verschiedenen Seiten (oder/und Fragen) zu beleuchten ist schon kein kleiner Aufwand.


    Auf gar keinen Fall hängt es aber mit dir zusammen, dass ich mich nicht ausreichend mit diesem Text auseinandersetzen konnte.


    Liebe Grüße


    Horst-Dieter

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen und Legenden aus Baden

    ASIN/ISBN: 3955403823


    Wir haben sogar Bücher zuzm Totlachen aufzuweisen, von denen ich wünschte, dass die Verfasser die erste Probe an sich gemacht hätten!.
    Carl Julius Weber

    aus: Demokritos


  • Liebe Judith!


    Mir fehlt schlichtweg die Zeit dazu, mich durch den Text zu wurschteln...
    Diese Woche noch ´ne Aufführung...und dann die Vorweihnachtszeit...
    und - wie sonst - abends zu lesen klappt auch nicht...zack, sind die Augen zu.
    Dabei interessiert mich gerade diese Autorin (und das "Phänomen" der schreibenden Frau in dieser Zeit) brennend...auch sie veröffentlichte ihre erste Geschichte unter einem geschlechtsneutralen Pseudonym...und erst nach dem ersten Erfolg wurde sie als AutorIN bekannt gemacht...
    Ich gebe dir Recht, dass aus Trivialem viel gelernt werden kann...und wenn´s das "So-besser-nicht" ist.


    Lange Rede - kurzer Sinn: ich werde mich auf jedenfall noch mit dem Text beschäftigen. Aber wohl erst nach der weihnachtlich-sylvestrischen Festwoche.


    Euch allen eine schöne Vorweihnachtszeit
    Stefanie

    [buch]3866855109[/buch]


    "Sinn mag die äußerste menschliche Verführung sein." - Siri Hustvedt

  • Hallo Horst-Dieter,
    hallo ihr Lieben,



    Zitat

    Horst-Dieter schrieb:
    es lag, zumindest bei mir daran, dass es »viel zu viel« Text war. Einerseits. Ich habe angefangen zu lesen und irgendwann abgebrochen, weil das Ende nicht in Sicht war, ich mit anderen Aufgaben (Broterwerb u.a.) aber zu Ende kommen musste.


    Das kann ich gut verstehen. Deshalb bin ich mit meiner Sicht auf die Fragen auch noch nicht fertig und werden sicher noch ein paar Tage länger brauchen, als ich gedacht habe. 8o


    Zitat

    Horst-Dieter schrieb:
    Dazu, den Text mit deinen Fragen zu untersuchen bin ich also nicht gekommen. Ob die verkehrt sind, kann ich jetzt objektiv nicht sagen. Aber schlecht wäre es jedenfalls nicht, die Aufgabenstellung auf möglichst eine Frage(stellung) zu verdichten. Zwei Wochen nebenher einen Text (zumal wenn er umfangreich ist und umfangreich ist jeder Text, der über 10 Seiten Normseiten hinausgeht) zu untersuchen und ihn dabei von verschiedenen Seiten (oder/und Fragen) zu beleuchten ist schon kein kleiner Aufwand.


    Da hast du recht, wobei ich vielleicht deutlicher hätte machen sollen, dass ich davon ausgegangen bin, dass jeder alle Fragen beantwortet. Nicht einmal ich. :evil


    Liebe Grüße
    Judith

    Nay, thy lordship, me ain't no thief, not even a smart one - Piper Quickfingers



    Der Tokee in Die rote Kammer [buch]393991407X[/buch]

  • Hallo Horst-Dieter,
    hallo ihr Lieben,



    Zitat

    Horst-Dieter schrieb:
    es lag, zumindest bei mir daran, dass es »viel zu viel« Text war. Einerseits. Ich habe angefangen zu lesen und irgendwann abgebrochen, weil das Ende nicht in Sicht war, ich mit anderen Aufgaben (Broterwerb u.a.) aber zu Ende kommen musste.


    Das kann ich gut verstehen. Deshalb bin ich mit meiner Sicht auf die Fragen auch noch nicht fertig und werden sicher noch ein paar Tage länger brauchen, als ich gedacht habe. 8o


    Zitat

    Horst-Dieter schrieb:
    Dazu, den Text mit deinen Fragen zu untersuchen bin ich also nicht gekommen. Ob die verkehrt sind, kann ich jetzt objektiv nicht sagen. Aber schlecht wäre es jedenfalls nicht, die Aufgabenstellung auf möglichst eine Frage(stellung) zu verdichten. Zwei Wochen nebenher einen Text (zumal wenn er umfangreich ist und umfangreich ist jeder Text, der über 10 Seiten Normseiten hinausgeht) zu untersuchen und ihn dabei von verschiedenen Seiten (oder/und Fragen) zu beleuchten ist schon kein kleiner Aufwand.


    Da hast du recht, wobei ich vielleicht deutlicher hätte machen sollen, dass ich davon ausgegangen bin, dass jeder alle Fragen beantwortet. Nicht einmal ich. :evil


    Liebe Grüße
    Judith

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  • Hallo Lametta,


    Zitat

    Lametta schrieb:


    Mir fehlt schlichtweg die Zeit dazu, mich durch den Text zu wurschteln...
    Diese Woche noch ´ne Aufführung...und dann die Vorweihnachtszeit...
    und - wie sonst - abends zu lesen klappt auch nicht...zack, sind die Augen zu.


    Wow, das klingt so spannend wie erschöpfend, auf die gute Art. :blume


    Zitat

    Lametta schrieb:


    Lange Rede - kurzer Sinn: ich werde mich auf jedenfall noch mit dem Text beschäftigen. Aber wohl erst nach der weihnachtlich-sylvestrischen Festwoche.


    Da freue ich mich schon drauf.


    Liebe Grüße
    Judith

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