Der Text kopiert ...

  • Hallo,


    ein Diskussionsbeitrag zum neuesten BT hat mich auf die Idee gebracht, ein eigenes Thema zu eröffnen.


    Es geht um den Plagiatsvorwurf.


    Immer wieder liest man in Kritiken, der Text eines Autors sei orientiert an dem Text von dem und dem Kollegen. Und "orientiert" ist da noch das Freundlichste, das geht bis zu Plagiatsvorwürfen und dem Vorwurf mangelnder Originalität.


    Um das ganz klar abzugrenzen: Ich spreche nicht von jenen selbsternannten Autoren, die ein Erfolgskonzept bewusst kopieren, weil sie meinen, damit ließe sich der nächste Bestseller planen, das geht normalerweise ja ohnehin schief, weil kein Verlag sowas wirklich annimmt.


    Aber: Ich glaube, jeder, der selber schreibt, auch jeder, der gut schreibt, ist, ob nun bewusst oder unbewusst, von anderen Autoren beeinflusst. Man kann sich das bewusst machen, man kann auch gegensteuern, indem man aus vielen verschiedenen Stilrichtungen Texte liest, aber lässt es sich wirklich zur Gänze vermeiden, dass man beeinflusst wird?


    Außerdem gibt es meiner Ansicht nach kaum ein Thema, das nicht schon in der einen oder anderen Form bearbeitet wurde. Man schreibt also immer im Wissen, dass man an sich nichts "Neues" hervorbringt. Man kann einen Inhalt in neuer Form erzählen, neue Schwerpunkte setzen etc., aber man kann das Rad nicht neu erfinden.


    Wie seht Ihr das Thema? An sich beschäftigt es doch jeden, der schreibt, weil jeder weiß, dass er nichts erzählen kann, was nicht schon hundert Mal in der einen oder anderen Form erzählt wurde.


    LIebe Grüße
    Anja

  • ein Plagiat ist die Verwendung geistigen Eigentums in eigenen Werken über das offene zitieren hinaus. Das ist strafbar, unlauter und muss m.E. nicht diskutiert werden.


    Das "er schreibt wie" ist meistens einfach nur dämlich. Da versucht sich in der Regel jemand wichtig zu machen, indem er vermeintliche Parallelen aufweist. Kritiker machen das gerne.


    Theodor Fontane hat da schon eine schöne Antwort zu geschrieben:


    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • hallo anja,


    selbstverständlich ist jeder von uns von vielem und vielen anderen autoren beeinflusst, wenn er schreibt. das betrifft inhalt wie stil. anders ginge es ja auch gar nicht, und neues kann kaum komplett neu sein, sondern ist meist nur eine neue kombination von bekanntem oder auch nur eine neue akzentuierung.


    wenn man so stark beeinflusst ist, dass es dem kenner auffällt, kommt es beim verkaufen darauf an, wie bekannt das vorbild ist. den plot von "romeo und julia" z.b. kennt jeder, aber es gibt viele hervorragende unbekannte geschichten und autoren, wo das kaum auffallen wird.


    der andere aspekt ist, wie man selbst als autor damit umgeht. im mittelteil eines romanmanuskripts von mir verwende ich ein element eines sehr bekannten romans ähnlicher handlung. aber es sollte einerseits so deutlich sein, dass es heoofentlich als hommage durchgeht, andererseits sind setting und intention völlig anders.


    für mich ist entscheidend: das was am ende beim schreiben rauskommt, muss sich bei allen einflüssen 100%ig als meines anfühlen, ich muss mich damit identifizieren, funktioniert es auch gar nicht anders. und wenn man sich deutlich an was anlehnt, sollte man probieren, es wie eine hommage oder ein zitat aussehen zu lassen.


    viele grüße,
    michael



    p.s.: Horst-Dieter: dieses gedicht ist wirklich schön.

  • Ich frag mich ja immer, wo das Problem ist, wenn jemand versucht, eine/n Autor/in stilistisch etwas nachzuahmen. Ist doch nicht verkehrt - wenns klappt. :D Ich meine, mein Schreiben wird von jedem Text beeinflusst, den ich lese - deswegen lese ich ja, unter anderem. Und wenn mich ein Text sehr beeindruckt, wünschte ich manchmal, ich könnte so auch. Kann ich aber nicht, in der Regel. Wenn etwas davon in einen Text von mir einfließt, ist es schon viel, und dann ist es doch OK. Finde ich.


    Und letztlich muss eh jeder seinen eigenen Stil finden - richtig stilistisch "abschreiben" funktioniert doch gar nicht. (Oder? :dumm )

    Frau: "Warum müssen Frauen immer still sein?"
    Mann: "Weil sie dann länger schön bleiben."
    (Der Hexer, 1964)

  • Man muss zwischen echtem Plagiat, Ideenklau und Nachahmung unterscheiden. Die beiden letztgenannten "Probleme" treten häufiger auf, manchmal auch unbewusst, weil das Gehirn zuweilen nicht zwischen echten eigenen Ideen und erinnerten fremden unterscheiden kann. Zudem ist "Schreiben wie ..." reizvoll, weil es mit dem Wunsch einhergeht, etwas gut und erfolgreich zu wiederholen, was ein anderer besser und erfolgreicher vorgelegt hat. Das ganze Tolkien-Epigonentum mit seinen Elfen-, Trollen-, Zwergen- und Orks-Romanen. Das Vampir-vögelt-Jungfrau-Geschnatter im Nachgang der Stephenie-Meyer-Romane. Die vielen "tolpatschiger junger Deutscher hat Beziehung mit ausländischer Frau"-Bücher, die Jan Weilers Erfolg nachzuahmen versuchen, der dieses Rad übrigens auch nicht erfunden hat. Undsoweiter. Im Ergebnis kann (und muss) man sich gelegentlich als Trittbrettfahrer beschimpfen lassen, aber wenn die Reise trotzdem Spaß macht, mag das auszuhalten sein. Es kommt auf das Wie an, nicht so sehr auf das Was. Und manchmal haben einfach zwei Autoren unabhängig voneinander zeitnahe ähnliche Ideen. Im Juni d.J. ist "Hölle, all inclusive" von Mark Werner (Rowohlt) erschienen. In diesem Buch geht es um einen Journalisten, der nach Gran Canaria geschickt wird, um über Pauschalurlaub auf dieser Insel zu berichten. Kommt das jemandem bekannt vor? 8-) Ich kann glaubhaft versichern, meinen Plot ganz unabhängig davon und vor über einem Jahr entwickelt zu haben, aber im Ergebnis gibt es innerhalb eines vergleichsweise kurzen Zeitraums zwei Bücher, deren Plots sich zumindest ähneln, was die Ausgangssituation anbetrifft. Wir hatten hier vor einiger Zeit diese Diskussion in Nachbehandlung einer BT-Woche - die Autorin des Besprechungstextes mutmaßte Ideenklau oder sogar Plagiat, weil das Buch, das sie als Ergebnis dieser BT-Woche veröffentlicht hatte, einem anderen plotseitig sehr ähnelte, das fast zeitgleich erschien. Ganz unabhängig davon, ob es tatsächlich irgendwas gab, über das man sich aufregen müsste, geschieht derlei. Es gibt nicht so schrecklich viele Geschichten, die man erzählen kann, manch ein Thema drängt sich zeitgeistmäßig einfach auf, und gelegentlich ist die vermeintlich geklaute Idee nur der zigste Aufguss einer ganz alten Story.


    Damit muss man leben.

  • Und dann gibt es natürlich auch den - allerdings seltenen - Fall, dass jemand mit seinem "Schreiben wie ..." Aufsehen erregt. Wenn das Aufsehen groß genug ist, verschwindet dahinter das andere Schaffen, besonders, wenn es politisch eher unangenehm ist.das andere Schaffen.

  • Zitat

    Original von blaustrumpf
    Und dann gibt es natürlich auch den - allerdings seltenen - Fall, dass jemand mit seinem "Schreiben wie ..." Aufsehen erregt. Wenn das Aufsehen groß genug ist, verschwindet dahinter das andere Schaffen, besonders, wenn es politisch eher unangenehm ist.das andere Schaffen.


    Schön der Satz am Ende:


    Der Zustand PISA existiert viel länger, als selbst Pessimisten bisher annahmen.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • Zitat

    Original von Anja
    Es geht um den Plagiatsvorwurf.


    Ich habe Shabana keineswegs des Plagiats geziehen, ja nicht einmal ein solches unterstellt. Plagiat ist einfach: abschreiben, kopieren, nachmachen - ohne eigene geistige und künstlerische Leistung.


    Könnten wir uns auf diese Definition einigen?


    Ich habe gesagt: Der Text komnmt von Marlene Streeruwitz (ich hätte auch noch Elfriede Jellinek erwähnen können) her. Ich habe gemeint: Ähnliche Motive (wie im aktuellen BT) werden in vergleichbarer Sprache von unseren feministischen Lieblingsautorinnen verarbeitet.


    Ich habe auch gesagt: Der Text hat eine klebrige Ähnlichkeit mit dem Meisterwerk von Felix Salten. Das war nun wirklich ein kleiner Scherz, da das Meisterwerk, auf das ich anspielte, der erste Teil des pornografischen Romanes Josefine Mutzenbacher ist (just google it!). Dieser Roman ist vermutlich von Salten (Arthur Schnitzler schreibt das in seinen Tagebüchern, und der musste es wissen, was aber der Wikipedia-Autor nicht weiß), aber ganz sicher ist es nicht. Der Vergleich mit der Mutzenbacher bietet sich einfach an, abgesehen davon ist der erste (heute extrem rare) Band wirklich ein interessantes Stück Litertaur.


    PS: Vier Romane: Anna Karenina, Effi Briest, Madame Bovary, Tess of the d'Urbervilles - eine Story: Frau und Mann, Frau betrügt Mann, Gesellschaft sanktioniert, Frau stirbt (oder wird von der Gesellschaft ausgestossen in Effi Briest). Plagiat? Aber nein! Unterschiedliche Bearbeitungen eines großen Themas, das zu dieser Zeit einfach angesagt war.

  • Hallo TWJ,


    diese Diskussion habe ich bewusst vom BT gelöst. Denn es ging mir nicht um Shabanas Text, sondern allgemein um dieses Thema.


    Entspann Dich, ich habe Dich nicht missverstanden :).


    @Alle: Es haben ja schon ziemlich viele geantwortet. Ich sehe das auch ähnlich wie Tom. Aber ab und zu drängt sich beim Schreiben der Gedanke eben auf: "Das ist NICHT originell, das gab es schon hundertmal, ..." Deshalb wollte ich einmal in die Runde fragen, wie andere das beurteilen.


    Liebe Grüße
    Anja

  • Zitat

    Original von Anja
    Entspann Dich, ich habe Dich nicht missverstanden :).


    Ich habe mich furchtbar aufgeregt. Ich mußte gerade nur eine Stunde auf Vollast durch den Wald laufen, bis der Schaum vor dem Mund wieder weg war. Aber jetzt geht's schon wieder! :affe

  • Zitat

    Original von Th. Walker Jefferson
    Ich habe mich furchtbar aufgeregt. Ich mußte gerade nur eine Stunde auf Vollast durch den Wald laufen, bis der Schaum vor dem Mund wieder weg war. Aber jetzt geht's schon wieder! :affe


    Also irgendwie finde ich, TWJ ist in den letzten Jahren milder geworden =)

  • Hallo TWJ,


    mein schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen. Erstens bist Du meines Wissens Marathonläufer, und zweitens habe ich auf die Weise auch noch was zu Deiner Fitness beigetragen :). Man soll ja gelegentlich den Puls hochtreiben beim Sport, immer nur 130 bringt nichts.


    Liebe Grüße
    Anja

  • Zitat

    Original von Anja
    Aber ab und zu drängt sich beim Schreiben der Gedanke eben auf: "Das ist NICHT originell, das gab es schon hundertmal, ..." Deshalb wollte ich einmal in die Runde fragen, wie andere das beurteilen.


    Liebe Grüße
    Anja


    Mein Agent kam auf micfh zu und sagte: Können Sie nicht dasunddas schreiben aber soundso?


    Ich: Hä? Aber das gibt es doch schon, das wäre das Ganze doch nur anders.


    Er: Keiner erfindet das Rad neu. Würden Sie?


    Ich: Nein. Aber ich könnte dasunddas soundsoschreiben, weil es das so hier noch nicht gibt (jedoch demunddem ähnlich ist)


    ER: schicken Sie mir ein Expose und eine Leseprobe ..


    Ich schickte ein Expose und eine Leseprobe von zwölf Seiten und wir waren im Geschäft.


    Nein, ich schreibe nicht ab. Aber Nein, ich erfinde das Rad nicht neu.


    Und ich bin furchtbar glücklich mit MEINEN Texten.


    LG


    Ulli