Tom Liehr - Pausschaltourist

  • also also, horst-dieter, da muss ich hier mal eine lanze gegen die spracheinfalt brechen. allgemein besteht für mich das weitaus größere übel darin, dass autoren mit ihrer wortwahl langweilen oder gar ausgelutschte sprachklischees bedienen, wo es wahrlich reichen würde, dass das gros der journalisten das schon permanent praktiziert. von wem könnte man eine originelle sprache eher erwarten als von schriftstellern?


    in toms buch hat die plastische, drastische wortwahl die funktion, das metier des pauschaltourismuses (eines derjenigen, bei denen der kapitalismus am weitesten getrieben wird) zu zeichnen, zu demaskieren, auf die spitze zu treiben das ist größtenteils super anschaulich, originell und lustig gelungen.


    zu deinen beispielen:
    allegro con fuoco funktioniert für mich, weil das böse 4buchstaben-wort, um das es geht, so transformiert auf einmal überraschend gepflegt klingt. und das ist lustig.


    Pools sehen aus »wie eine Mischung aus Hitlers Germania-Phantasien und diesem Tropical Island-Experiment irgendwo in Brandenburg«
    da entsteht bei mir das bild einer riesigen betonanlage, in die bunte plastik-palmen und ähnliches klimbim gestellt wurden.


    Speisehallen sind »faschistisch«
    deren architektur hat wirklich was faschistisches - durch größe, wuchtige formen, betonanteil und menschenfeindlichkeit; und auf reichsparteitagen wurde die massenspeisung mit gulaschkanonen, die 100.000 leute sattgemacht haben, tatsächlich ziemlich weit getrieben.


    , nach dem Aufwachen wog der Schädel »in etwa so viel wie ein (vollgetankter) Panzer des Typs Leopard II«
    das ist wirklich ein wenig überzogen und der vergleich eher unschlüssig.


    Essen schmeckt wie »Kinderknete«
    die konsistenz von kindernete löst bei mir die wohl intendierte vorstellung von braunem batz aus. und da ich zu denen gehöre, die die knete auch mal in den mund genommen haben, kann ich mir vorstellen, dass der geschmack einer anonymen masse gemeint ist.

  • Lieber Michael

    Zitat

    Original von Michael Höfler
    also also, horst-dieter, da muss ich hier mal eine lanze gegen die spracheinfalt brechen. allgemein besteht für mich das weitaus größere übel darin, dass autoren mit ihrer wortwahl langweilen oder gar ausgelutschte sprachklischees bedienen, wo es wahrlich reichen würde, dass das gros der journalisten das schon permanent praktiziert. von wem könnte man eine originelle sprache eher erwarten als von schriftstellern?


    in toms buch hat die plastische, drastische wortwahl die funktion, das metier des pauschaltourismuses (eines derjenigen, bei denen der kapitalismus am weitesten getrieben wird) zu zeichnen, zu demaskieren, auf die spitze zu treiben das ist größtenteils super anschaulich, originell und lustig gelungen.


    Lies mal genau, was ich geschrieben habe. Ich habe dir schon von vornherein nicht wiedersprochen :D


    Meine Aussage ging etwas anders.


    Zitat


    zu deinen beispielen:
    allegro con fuoco funktioniert für mich, weil das böse 4buchstaben-wort, um das es geht, so transformiert auf einmal überraschend gepflegt klingt. und das ist lustig.


    Genau! Das war mein Beispiel. allegro con fuoco kommt bei Tom nicht vor und heißt frei übersetzt: munter, fröhlich mit Feuer :D


    Gegen die anderen Beispiele habe ich auch nichts. Wie sie auf mich gewirkt haben und welchen Zweck auch ich darin erkenne habe ich ja aufgeführt. Mir war das am Ende nur ein wenig zu viel. Es schliff sich ab.


    Die Lanze hättest du jetzt nicht unbedingt brechen müssen :)

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Erlebnis-Wanderungen Odenwald

    ASIN/ISBN: 386246752X


    "In der industriellen Tierhaltung ist jegliche Empathie für die sogenannten Nutztiere verloren gegangen."


    Rupert Ebner

    SZ Nr. 78, 6.4.2021, S. 15

  • lieber horst-dieter,

    Zitat

    Original von Horst Dieter
    Die Lanze hättest du jetzt nicht unbedingt brechen müssen :)


    mist, nu is sie kaputt.


    okay, du willst sagen: stete spitze schärft sich ab. einer eule, die hundert mal nach athen getragen wird, schrumpfen die augen. und tägliche sangria-kur macht orangenhaut.


    generell mehr einverstanden als speziell (in bezug auf das buch):
    michael

  • Zitat

    Original von Michael Höfler

    okay, du willst sagen: stete spitze schärft sich ab. einer eule, die hundert mal nach athen getragen wird, schrumpfen die augen. und tägliche sangria-kur macht orangenhaut.


    …michael


    Genau - und unter der Vorgabe, die ich anfangs geschrieben habe: Eigentlich ist für das Buch eine positivie Rezension die angemessene Reaktion


    oder anders gesagt: das war genörgel auf hohem Niveau


    :D


    Horst-Dieter

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  • Hallo, Horst-Dieter.


    Danke für die tendentiell positive Rezension. ;)


    Du kritisierst da etwas, mit dem ich ganz persönlich überaus zufrieden bin, weil es für mich nicht nur um eine Stilfrage, sondern auch und vor allem um die Erzählerstimme ging. Der Protagonist in "Pauschaltourist" ist - im Vergleich zu den vorigen Büchern von mir - fast eine zurückgenommene Person, häufig Beobachter. Es geht zwar auch um ihn, aber er ist Kommentator einer Geschichte, die an und für sich relativ langsam abläuft, wenn sie sich auch szenisch (hoffentlich) recht rasant anfühlt. Ich habe anfangs lange herumprobiert, wie ich das sprachlich vermitteln kann, und bin schließlich bei einer (mir zugegeben sehr entgegenkommenden) Variante gelandet, die humorig-bildhaft sein sollte. Will sagen: Ich nahm eigentlich an, dass der Vergleich mit einem vollgetankten Leopard II knapp und humorig sehr viel treffender sagt, wofür man eigentlich drei, vier Sätze benötigt hätte. Zudem in gewisser Weise originell. Ich weiß nicht, wie ich das rechtfertigen kann oder ob ich das überhaupt versuchen sollte, aber aus meiner Sicht funktioniert der Roman, wenn er denn funktioniert, letztlich nur deshalb. Ohne diese sehr bildhafte Sprache bliebe ein recht austauschbarer Episodenbericht, der vieles erzählt, das alle kennen.

  • Zitat

    Original von Tom
    …. Ich weiß nicht, wie ich das rechtfertigen kann oder ob ich das überhaupt versuchen sollte, aber aus meiner Sicht funktioniert der Roman, wenn er denn funktioniert, letztlich nur deshalb. Ohne diese sehr bildhafte Sprache bliebe ein recht austauschbarer Episodenbericht, der vieles erzählt, das alle kennen.


    Nein, das musst du nicht rechtfertigen. Der Roman funktioniert, die Erzählerstimme funktioniert, es hat Spass gemacht das zu lesen und die aufgeführten Beispiele habe ich nicht als Negativbeispiel zitiert (siehe meine Erwiederung an Michael) sondern nur (wertfrei) als Beispiele. Ich schrieb ja auch, dass das durchaus auch zur Skizzierung der Urlaubszenarien beitrug. Das einzige, was ich kritisiert habe - und das auch auf der Basis: lass uns mal sehen, ob wir überhaupt etwas zum kritisieren finden - war, dass es nach meinem Dafürhalten etwas zu häufig kam. Ich habe das wirklich am Schluss nicht mehr richtig wahrgenommen. Was (für mich) am Anfang und durchaus auch noch im zweiten Drittel des Buches stimmig und gut war, das verlor am Ende eben durch die Häufigkeit. Mehr wollte ich nicht sagen.


    Ach doch - ich freue mich schon auf dein nächstes Buch :)

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  • Irgendwie habe ich das Gefühl, bisher waren vor allem männliche Leser/Kritiker hierzugange ( ist wahrscheinlcih eine freudsche Empfindung). Hiermal mein Eindruck:


    Nikolas, der Ich-Erzähler, arbeitet als Kolumnist und Rätselmacher für ein gehobenes Reisemagazin. Die Weltreisenredakteurin Nina (Kennzeihen: Wurstpellenjeans) hat die Kamikazeidee, eine Reihe über Pauschal-, sprich Last-Minute-Reisen einfließen zu lassen. Nikolas wird zu ihrem Reisepartner verdammt.


    Die erste Reise geht nach Gran Canaria. Während Nikolas noch versucht, sexmäßig das beste draus zu machen (mit extrem negativen Folgen insgesamt, so dass der Leser sich nicht nur über ihm nciht entwendete Gelder und Karten sonder auch ihm nicht zugenutete so unerfreuliche Dinge wie Sackratten freuen darf), zeigt Nina sich als nicht nur erstaunlich fitte Last-Minute-Kämpferin, sondern gleichzeitig als Last-Minute-Säuferin - Nikolas fragt sich von Beginn an halbherzig, weshalb - halbherzig, weil er wegen der Gerüchte im Verlag ahnt, dass Nina in Liebeskummer wegen des Chefs versinkt.


    Sie beide verbringen den Horror auf Gran Canaria hinter sich, um dann noch an vier weitere schreckliche "Urlaubsziele" reisen zu müssen. Im Grunde ist alles der blanke Schrecken - irgendwie bringt aber gerade die Individualität der beiden jedes Urlaubsziel (nicht nur für sie beide) in ein - wenn auch fadenscheiniges Licht - irgendwie ist das alles eben doch nicht von der Stange, und sei's nur, weil die Diebe (anfangs), oder die Kampagne gegen die Belegung der Liegen (ebenfalls anfangs - genialer Schachzug) oder auch die Gefühle zwischen Nina und Nikolas oder dann auch der Kampf des letzteren gegen seine Ex-Freundin und ihren neuen Freund, seinen ehemaligen persönlichen Freund - egal was - die Gefühle aufbringen - den Schluss wollen wir hier schließlich alle nicht verraten, um Tom den weiteren Verkauf der Bücher zu ermöglichen - und es lohnt sich!!!


    Gruß,
    Karen

  • Mein Gott, nun widersprecht uns doch mal. Kann ja wohl nicht sein, dass es nur so'n paar Wortmeldungen hier gibt, oder? Ich denke, sogar die Schwaben haben inzwischen das Zweitexemplar???!!!


    Gruß,
    Karen

  • Eine Kollegin, die den Pauschaltouri heute in der Meyerschen in Castrop abholte, wurde von der Verkäuferin gefragt, ob irgendwo eine Werbeaktion für dieses Buch gelaufen sei, denn es vergehe kein Tag, an dem sie es nicht bestellen müsse.
    Gut, eine Verkäuferin in Dortmund hätte diese Frage womöglich nicht gestellt, sondern einfach ein paar Exemplare zur Vorrathaltung geordert - aber Castrop ist halt Provinz. Hauptsache, die Nachfrage stimmt. :)

  • Zitat

    Original von Karen
    Dass man's überhaupt in Catstorp bestellt, ist an sich ja schon ein Wunder! Dortmund kann ich nicht beurteilen :renn


    Gruß,
    Karen


    Kann der gemeine Dortmunder lesen? Ich meine - Bilder sind ja in Toms Buch nicht drin (warte Karen ich :renn )

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    Rupert Ebner

    SZ Nr. 78, 6.4.2021, S. 15

  • Kaelo: Die Nachfrage ist tatsächlich hoch. Innerhalb von etwas mehr als zwei Wochen waren fast zehntausend Exemplare weg. Bei Amazon bewegt sich der Titel seit Verkaufsstart um den Verkaufsrang 200, und selbst bei bol.de steht PT heute auf 245. Das Buch ist in sehr vielen Leserforen positiv besprochen worden, aber die Presse hält sich eigentlich noch in Grenzen. Ich weiß also nicht, woran es genau liegt, aber möglicherweise mögen die Leute das Buch einfach - und sagen das weiter.

  • Zitat

    Original von Tom
    Kaelo: Die Nachfrage ist tatsächlich hoch. Innerhalb von etwas mehr als zwei Wochen waren fast zehntausend Exemplare weg. …


    Alle Achtung! Und das in so kurzer Zeit …

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  • Zitat

    Original von Tom
    Das Buch ist in sehr vielen Leserforen positiv besprochen worden, aber die Presse hält sich eigentlich noch in Grenzen. Ich weiß also nicht, woran es genau liegt, aber möglicherweise mögen die Leute das Buch einfach - und sagen das weiter.


    vielleicht steckt es die kulturpresse in die schublade "tommy jaud und co".


    aber wenn es über die leser zum bestseller wird, kann's dir wurscht sein, und auch die presse wird dann drüber schreiben. dennis scheck muss ja in seiner sendung über jeden top10-roman was sachen. macht er übrigens sehr pointiert (zum machwerk von sarah kuttner "auf s.xy steht: ich möchte keine mädchen-romane mehr lesen. genau!")