Andreas Eschbach: Ausgebrannt

  • Zehn Jahre liegen zwischen den beiden Werken, die ich von Andreas Eschbach bisher gelesen habe. Während mich "Das Jesus Video" - von der genialen Idee abgesehen - nicht sonderlich begeistert hat, muss ich nach der jüngsten Lektüre mein Urteil über den Autor revidieren:


    Vier Komma neun Sterne



    "Ausgebrannt" ist kein simpler Endzeitthriller wie R. Scott Reiss' "Black Monday", der sich mit einem ähnlichen Szenario auseinandersetzt, sondern ein kluger, fundierter und sehr spannender Wissenschaftsroman, dessen Thematik eigentlich jeden Weltbürger beschäftigen sollte. Verblüffenderweise geschieht dies aber kaum, ganz im Gegenteil werden Diskussionen um das drohende Ende der Ressource Öl entweder im stillen Kämmerlein oder in abgedrehten Verschwörererforen geführt. Dabei geht es um nicht weniger als das Fundament der weltweiten Wirtschaft.


    Aber von vorne. Bei Eschbach sind es keine durchgeknallten Terroristen, die eine weltweite Ölkrise heraufbeschwören. Kernthema ist der sogenannte "Peak Oil", der Zeitpunkt der höchsten förderbaren Ölmenge - und sein Verstreichen: Die Ouvertüre zum Ende des Erdölzeitalters. Förderländer wie Saudi-Arabien veröffentlichen schon seit Jahrzehnten keine Informationen über verfügbare Produktionsmengen mehr, und Informationen über die Lagerstätten werden als Staatsgeheimnisse behandelt. Dennoch wissen eigentlich alle, dass der fossile Rohstoff, der längst nicht nur als Heiz- oder Kraftstoff, sondern als Basismaterial für die gesamte chemische und pharmazeutische Industrie dient, demnächst versiegen wird. Diesen Zeitpunkt, der - je nach verfügbaren Informationen - mal auf die Mitte des laufenden Jahrhunderts, mal aber auch auf das kommende Jahrzehnt festgesetzt wird, zieht Eschbach in die Jetztzeit. In Saudi-Arabien kollabiert eines der größten Ölfelder - Auslöser für eine Krise von katastrophalen Ausmaßen.


    Markus Westermann ist eigentlich als IT-Fachmann in den USA unterwegs, aber er hat nicht vor, diese sechs Monate, die der Auftrag in Anspruch nehmen wird, ungenutzt verstreichen zu lassen. Markus will seinen Kindheitstraum verwirklichen, nämlich eine glänzende Karriere in den Vereinigten Staaten. Er lernt den österreichischen Ölexperten Block kennen, einen etwas obskuren, aber sehr originellen Typen, der behauptet, eine neue Methode entwickelt zu haben, mit deren Hilfe man weltweit Ölvorkommen entdecken kann, und zwar sehr viel mehr, als bisher angenommen wird. Kurzerhand gründet Westermann mit Block ein Unternehmen und gewinnt potente Investoren. Als der skurrile Österreicher tatsächlich an einer Stelle Öl entdeckt, an der das andere Experten ausgeschlossen haben, setzt ein Hype ein. Plötzlich glaubt die Welt, dass Öl doch noch fast unbegrenzt verfügbar sein wird.


    Gemeinerweise lässt Eschbach seinen vertrauensvollen Leser mitten im Roman gnadenlos ins offene Messer laufen. Alles, was man ihm bis zu diesem Zeitpunkt praktisch blind geglaubt hat, erweist sich als Trugschluss.


    In sehr kunstvoll miteinander verwobenen Erzählsträngen führt der Autor eine Schar von Figuren ein, mal als Bestandteil der Gegenwartsgeschichte und dann wieder als Personal vergangener Handlungen. All diese Menschen stehen in Verbindung, aber sie zeigen zudem auf verschiedenen Ebenen, wie sich globale Katastrophen auswirken. Glücklicherweise verzichtet Eschbach auf Effekthascherei. Er setzt persönliche Konflikte in den Vordergrund, was sehr viel anschaulicher und nachvollziehbarer ausfällt als wilde Berichte von Plünderungen oder die Summierung von Opferzahlen.


    Eigentlich also fünf Sterne für einen sehr gelungenen, packenden und extrem interessanten Roman. Ein Zehntelstern Abzug für das sehr zufallslastige und etwas zähe Ende, das dem Buch aber nichts von seinem Reiz nimmt. Bravo!


    ASIN/ISBN: 3404159233

  • Juhu, Birgit.


    Zitat

    Schade dass du so weit weg von mir wohnst, sonst hätte ich dich doch jetzt gefragt, ob ich mir das Buch mal borgen darf.


    Zum Glück wohnst Du so weit weg. Deshalb muss ich nicht nein sagen. Ich verleihe keine Bücher. Und erst recht keine mit persönlicher Widmung. 8-)

  • @ Tom: Ich habe Ausgebrannt schon mal auf meine To-Buy-Liste gepackt, woran Deine Rezi nicht ganz unschuldig ist. ;) BTW: Ich könnte mir vorstellen, daß Du mit Eine Billion Dollar von A. E. ebenfalls klarkommen würdest.

  • Hallo, Kaelo.


    Zitat

    Ich könnte mir vorstellen, daß Du mit Eine Billion Dollar von A. E. ebenfalls klarkommen würdest.


    Das kann ich mir inzwischen auch vorstellen. Ich bin jahrelang mit einem (negativen) Urteil herumgelaufen, weil mich "Das Jesus Video" in erster Linie geärgert hat (Ich fand's einfach nicht gut), aber offenbar ist Eschbach inzwischen (schon vor Jahren?) zu einem Autor herangereift, der mehr als nur sein Handwerk versteht. An dieser Einschätzung hat übrigens sein Beitrag im kommenden Autorenkalender einen gehörigen Anteil. Ja, ich werde nachkaufen. ;)

  • Hi,


    ich habe vor kurzem den Nobelpreis von ihm gelesen. Auch sehr empfehlenswert. Allerdings muss man es auch bei diesem Roman mögen, dass man auf eine völlig falsche Fährte gelockt wird.


    Ausgebrannt stand schon vorher auf meiner to buy Liste, nach Deiner Kritik ist meine Entscheidung jetzt noch klarer.


    Liebe Grüße,


    Bert

  • Zitat

    Original von Kaelo
    …BTW: Ich könnte mir vorstellen, daß Du mit Eine Billion Dollar von A. E. ebenfalls klarkommen würdest.


    Eine Billion Dollar hat einen unglaublich starken Einstieg - ich habe diesen Teil gleich zweimal gelesen - und einen sehr schwachen Schluss, aber das trifft auf viele Bücher von Andreas Eschbach zu. Tom stimme ich insofern zu, dass dies aber bei Ausgebrannt nicht so erheblich ist. Ich finde das Buch stärker als die Billion Dollar.

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26


  • Das Buch "Nobelpreis" von Andreas Eschbach muss man sich schenken lassen. Dann kann man guten Gewissens behaupten, man habe »den Nobelpreis bekomme« =)

    BLOG: Welt der Fabeln


    Horst-Dieter Radke: Sagen & Legenden aus Franken

    ASIN/ISBN: 3955403602


    Mit Büchern können Sie meistens nicht viel verdienen. Aber ich komme in Kontakt mit anderen Menschen, und Buchveranstaltungen sind sehr viel besser als Rockfestivals.


    Billy Bragg (* 1957)

    Süddeutsche Zeitung Nr. 281 – 4. Dezember 2020, S. 26

  • Eigentlich schleiche ich meistens nur um "Eine Billion Dollar" herum, jetzt ist aber noch ein neues Eschbach-Buch dazugekommen. Im Sommer werd ich immens Zeit haben, da werde ich es mir sicher zu Gemüte führen.

  • I did it! Ich hab's gelesen, und das Buch hinterläßt einen sehr faden Nachgeschmack - nicht, weil es schlecht wäre, sondern gerade weil es so gut ist und daran erinnert, daß ein horrender Anstieg der Spritpreise das mit Abstand geringste Übel wäre, wenn die Ölquellen von heute auf morgen versiegen würden.

  • Zitat

    Original von Horst Dieter



    Das Buch "Nobelpreis" von Andreas Eschbach muss man sich schenken lassen. Dann kann man guten Gewissens behaupten, man habe »den Nobelpreis bekomme« =)


    LOL - mal etwas offtopic, aber auch wg. Büchern, die in aller Munde sind, und um die man lange einen Bogen gemacht hat:
    Ich bin bei Dan Brown gelandet und fasziniert - muss ich mir Sorgen machen? :dumm :dumm
    Habe "Illuminati" verschlungen und nun mit "Sakrileg" angefangen. Was tun??


    (Und ja, ich werde auch in dieses grässliche Superkino am Bahnhof gehen und mir den Film anschauen, allein...) :down :( :wow 8o


    Wem geht es ähnlich?

  • Moin, Pearlie,


    Zitat

    Original von Pearl


    Ich bin bei Dan Brown gelandet und fasziniert - muss ich mir Sorgen machen? :dumm :dumm
    Habe "Illuminati" verschlungen und nun mit "Sakrileg" angefangen. Was tun??


    mein Tip: genieße diese beiden Werke und laß die Finger von "Diabolus". Oder wenn Du es partout nicht lassen kannst, knall Dir während des Lesens die Birne mit Alk oder sonstigen Drogen so zu, daß Du Deinen IQ konstant < 80 hältst, vielleicht ist das Teil dann erträglich. :bier :bier :bier


    Zitat


    (Und ja, ich werde auch in dieses grässliche Superkino am Bahnhof gehen und mir den Film anschauen, allein...) :down :( :wow 8o
    Wem geht es ähnlich?


    Ich warte, bis das Werk irgendwann auf DVD erscheint. "Sakrileg" war imho ganz passabel umgesetzt, und vielleicht erspart man den Zuschauern bei der "Illuminati"-Verfilmung die ca. 100 Buchseiten, in denen die (ansonsten ganz originelle) Story zur unbeholfenen Lachnummer gerät.


    Nachbarschaftliche Grüße


    Kaelo

  • "Ausgebrannt" habe ich auch hier liegen und werde es bald anfangen zu lesen. Bin schon sehr gespannt! Habe bisher nur Gutes über das Buch gehört!

  • Was sähe die Welt aus, wenn auf einmal ungeheure neue Ölreichtümer gefunden würden, wenn sich Öl plötzlich als erneuerbare Energiequelle herausstellte? Das ist die Frage, die Andreas Eschbach in "Ausgebrannt" sehr konsequent verfolgt. Scheinbar.


    Computerfachmann Markus Westermann ist in den USA, um Karriere zu machen. Ihm begegnet der österreichische Ölexperte Block, der zwar keine wissenschatlichen Meriten, aber angeblich eine neue Methode hat, um Öl zu entdecken. Öl, das auf gewisse Weise aus Bakterien entstünde und an vielen Orten der Welt in ungeheurem Ausmaß vorkomme. Markus treibt Investoren auf, wird Blocks Kompagnion. Als eine Testborung an einem Ort, wo Öl scheinbar so unwahrscheinlich ist wie ein Eisloch in der Wüste, ein Vorkommen zutage bringt, wird Markus auf einmal zum Spieler im weltweiten Poker um Geld und Macht. Eine schicke Frau, Koks und diverse Mit- wie Gegenspieler ergeben einen Strudel, in dem sich leicht versinken lässt.


    Andreas Eschbachs 750 Seiten-Werk liest sich erstaunlich kurzweilig, weil es zwischen Szenen und Hintergrundgeschichten wechselt, den globalen Wahnsinn anhand einzelner Figuren zeichnet und eine schöne Balance zwischen erzählerischer Nüchternheit und inhaltlicher Brisanz findet. Eschborn dringt fundiert und tief ein in die Thematik der Abhängigkeit vom Öl, die weit über puren Energiebedarf hinausgeht. Mal ein deutscher Autor, der erzählen kann und v.a. wirklich was zu erzählen hat. Trotz des etwas indifferenten Endes Hut ab. Solange es noch Haaröl gibt.